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Wiesbaden

Frauengeschichten erzählen

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Vor 40 Jahren hat eine kleine Gruppe von Frauen sich dazu entschieden, sich der Aufarbeitung der Geschichten von Frauen zu widmen. Dieses Jahr im November feiert das Museum, gelegen in einem unscheinbaren Wiesbadener Hinterhof, sein Jubiläum.

von Nathalie Klump

Beim Betreten des Frauen Museums Wiesbaden ertönt ein melodischer Gesang mehrerer Frauenstimmen. Die erste Installation, die einem ins Auge fällt, scheint zunächst sehr abstrakt: acht von der Decke hängende Plattformen, die mit jeder kleinen Brise, die durch das Museum weht, leicht mitschwingen. Auf jeder Plattform liegen mehrere Rosen aus Krepppapier. Sieben der Plattformen sowie Rosen sind schwarz. Nur eine Plattform und die darauf liegenden Rosen sind weiß. Bei näherem Betrachten der Installation sieht man, dass jede Plattform mit einem Namen versehen ist. Mit Ausnahme der weißen. Valentine Goldmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, erklärt, was es damit auf sich hat: „Das Werk wurde von Gladys Kalichini, einer Künstlerin aus Sambia, zusammengestellt. Sie erinnert damit an kolonialen Widerstandskämpferinnen ihres Landes, die in Vergessenheit geraten sind. Die weißen Rosen könnten die Widerstandskämpferinnen symbolisieren, die nie durch Fotografien oder Dokumente verewigt wurden, aber existiert haben.“

Diese Art von Denkmalsetzung verdeutlicht, was sich das Frauen Museum Wiesbaden zur Aufgabe macht: „Unsere Ausstellungen beschäftigen sich mit der Frage, was Geschichte oder Geschichtsschreibung ist, welche Geschichten in diese eingehen, und welche nicht – die von Frauen“, erläutert Goldmann. Das Museum widmet sich unter anderem der Aufarbeitung der Lebenswerke und -inhalte von verstorbenen und vergessenen Künstlerinnen. Das passiert in unterschiedlichen Bereichen: Das Museum beheimatet eine Kunstsammlung, eine kulturhistorische Sammlung sowie eine archäologische Sammlung. Darüber hinaus gibt es regelmäßig wechselnde Ausstellungen sowie die Dauerausstellung „Von Göttinnen und Weisheiten“. Sie präsentiert einen Teil der archäologischen Sammlung. Zu sehen sind Frauen- und Göttinnenfiguren, die bis in die Steinzeit datiert werden können. Gegenwärtiger sind beispielsweise Themen wie Brustkrebs, Menstruation, sexualisierte Gewalt und LGBTQ+, die ebenfalls in Form von Ausstellungen Präsenz erlangen. „Das Frauenmuseum hatte nie Scheu, Tabuthemen anzusprechen“, erklärt Goldmann. Passend zu den aktuellen Ausstellungen gibt es ein breites Spektrum an Veranstaltungen, die Hintergrundinformationen zu den Künstlerinnen sowie den Exponaten liefern. Ein weiterer Fokus liegt auf der Geschichte Wiesbadener Frauen. So werden regelmäßige und private Stadtrundgänge angeboten, bei denen bemerkenswerte Wiesbadener Frauen vorgestellt werden. „Außerdem hat die aktuelle Ausstellung zur Zwangssterilisation von Frauen zur Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls einen starken Bezug zur Stadt, weil es hier viele Forschungsbestände dazu gäbe.“, erklärt Goldmann.

Valentine Goldmann ermöglicht dazu einen Einblick in die Hintergrundmechanismen des Museums. „Die Projekte werden Jahre in die Zukunft geplant und wir arbeiten immer an vielen Projekten gleichzeitig. Für ein Projekt stehen im Schnitt fünf Jahre Forschungsarbeit an“. Die Ausstellungsstücke selbst erhalten sie in Zusammenarbeit mit Universitäten, Archiven und Gedenkstätten sowie von den Künstlerinnen oder Galerien als Leihgabe. Bei der Entscheidung, auf welche Art und Weise die Ausstellungsstücke präsentiert werden sollen, werden die Künstlerinnen und Galerien im engen Dialog einbezogen.

Neben der Ausstellungsarbeit leistet das Frauen Museum Wiesbaden auch gesellschaftliche Arbeit, wie zum Beispiel mit der „femorial“-Aktion. Sie thematisiert, dass die starke Mehrheit der Wiesbadener Straßen nach Männern, selten jedoch nach Frauen benannt sind, und so wurden 60 bedeutsame Frauen für die Umbenennung der Straßen vom Museum vorgeschlagen und exemplarisch in Form von pinken Schildern unter bereits existierende Straßenschilder gehängt.

Ab September gibt es eine Jubiläumsausstellung im Museum zu sehen. Die Pläne für die nächsten Jahre seien sehr vielfältig, so Goldmann: „In den letzten 40 Jahren sind die Ausstellungsideen nicht ausgegangen und sie werden in den nächsten 40 Jahren noch nicht ausgehen.“ Zur Umsetzung der Ideen sei jedoch der Kulturhaushalt wichtig. Angesichts der steigenden Kosten ist die Finanzierung eine Herausforderung. Ziel sei es dennoch laut Goldmann, diese Arbeit weiterhin ausführen zu können und so einen Zugang zur Kunst zu schaffen: „Kunst sollte nicht etwas Abgehobenes sein – da müssten alle dran teilhaben.“

Auf die Frage, wie die Bürger:innen Wiesbadens und der Umgebung das Museum unterstützen können, antwortet Goldmann, dass neben der Teilnahme an Veranstaltungen der Besuch selbst wichtig sei. „Es ist breit gefächert und für viele was dabei. Es ist ein Ort für alle, ein Ort, an dem Fragen erlaubt sind. Männer sind auch herzlich willkommen.“

Foto: frauenmuseum Wiesbaden


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