Hochsensibel für die eigenen Grenzen
Menschen mit Hochsensibilität erleben Alltagssituationen anders. Als Krankheit wird es nicht betrachtet, sondern als Persönlichkeitsmerkmal. Für Betroffene fühlt es sich aber krank an. Am 7. März findet in Mainz der Fachtag zur Hochsensibilität statt. STUZ begibt sich auf Spurensuche.
von Tim Porzer
Im Bus stehen die Passagiere Schulter an Schulter: eine Mutter mit weinendem Baby, eine Dame telefoniert, ein Junge schaut Videos, der Fahrgast daneben riecht nach Duschgel, in der letzten Reihe isst jemand – was für Fahrgäste anstrengend ist, wird für Menschen mit Hochsensibilität zur Belastungsprobe. „Hochsensibilität hat viel mit dem Nervensystem zu tun, dieses ist durchlässiger“, erklärt Sandra Agel. Die Soziologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema und betreut betroffene Personen. Dr. med. Angelika Hellstern, Fachärztin für Anästhesie und spezielle Schmerztherapie, ergänzt: „Hochsensible Menschen haben oft ein sensibel eingestelltes Nervensystem, das betrifft den Körper und die Psyche“. Hellstern beschäftigt sich mit Hochsensibilität aus Sicht der funktionellen Medizin.
Vier Kriterien
Hochsensibilität gilt als ein Persönlichkeitsmerkmal und nicht als Erkrankung. Die Psychologen Elaine N. Aron und Arthur Aron führten 1997 in einer wissenschaftlichen Publikation hochsensible Persönlichkeiten (engl. highly sensitive individuals) ein. Mittels eines aus 27 Fragen bestehenden Fragebogens entwickelten sie eine Highly Sensitive Person Scale (HSPS). Sandra Agel hebt vier Kriterien hervor, in denen Hochsensibilität angelegt sein kann: Empathie, die Sinneswahrnehmung, eine tiefe Wahrnehmungsverarbeitung, dazu gehören Gedankenschleifen, und Reizüberflutung. Hochsensible Menschen nehmen innere und äußere Reize intensiver wahr. Beispielhaft nennt Agel die Fahrt im Bus, die liege: „außerhalb der Kontrollsituation, man kann nicht einfach aussteigen“. Hochsensible Menschen haben für diese Situationen oft Bewältigungsstrategien. Entweder sie meiden solche Situationen oder „machen einen Plan B“, erläutert Agel. So ein Plan B kann ein kurzer Spaziergang sein – wenn auf der Party oder im Büro alles zu viel wird.
Angelika Hellstern unterscheidet zwei mögliche Ursprünge: „Es kann sein, dass es etwas Genetisches ist. Gewisse Lebensfaktoren können ebenfalls zu Hochsensibilität führen.“ Die Medizinerin unterscheidet zwischen Einflüssen von außen und von innen und erklärt, dass äußere Umstände oft zu Stress führen. Ein konstant hohes Level an Stresshormonen und Adrenalin könne dann auch körperliche Symptome hervorrufen. „Es gibt auch biochemische Variationen, die von Innen dafür sorgen, dass ein Organismus empfindlicher ist“, erklärt Hellstern. Es besteht zudem die Möglichkeit, dass Phänomene, die derzeit mit Hochsensibilität in Verbindung gebracht werden, künftig neu gedeutet werden. „Es kann auch sein, dass irgendwann herauskommt, dass es Hochsensibilität gar nicht gibt, sondern das alles etwa an ADHS oder Neurodivergenz dranhängt und mit anderen Pathologien zusammenhängt“, gibt Sandra Agel zu bedenken.
Heikle Diagnose
Ein hochsensibler Persönlichkeitstyp wird meist durch Fragebögen ermittelt. Dadurch handelt es sich um eine Selbstzuschreibung. Eine ausgeprägte Empathie und eine tiefe Wahrnehmungsverarbeitung können auch bei Menschen vorkommen, die im herkömmlichen Sinn des Wortes „sensibel“ sind. „Anhand der Sinneswahrnehmung ist es gut herauszufinden: beim Hören, Sehen, Riechen, Schmecken. Es gibt dann einen Leidensdruck, aus dem Haus zu gehen, weil dort alle Eindrücke auf mich einprasseln“, erläutert Agel. Aber auch die diagnostische Abgrenzung zu anderen Erkrankungen ist eine sensible Angelegenheit. „Für uns als Beratende ist die Schwierigkeit herauszufinden, ist die Person hochsensibel oder ist da noch ADHS dabei oder liegt ein Entwicklungstrauma vor“, erklärt Sandra Agel und fügt an: „Es erfordert am Ende eine sehr genaue Anamnese. Sind wir hier im Bereich Hochsensibilität oder im Bereich schwere Depression mit Problemen in der Alltagsbewältigung. Dann suche ich einen approbierten Psychotherapeuten.“
Ruhe und Gemeinschaft
In Agels Erfahrung ist „Ruhe einer der großen Teile“ im Umgang mit Hochsensibilität: „Zu uns Beratern kommen oft Menschen, die Symptome haben wie Erschöpfung, Überreizung.“ Die Beraterin warnt: „Auch da muss man aufpassen. Menschen, die sehr erschöpft sind, können nicht in die totale Entspannung. Da mache ich oft etwas mit Körperbalance, da lernt man seine eigenen Grenzen kennen. Die Aufgabe ist die Grenze zu halten und zu spüren.“ Entgegen des Vorurteils der Schwäche seien hochsensible Menschen belastbar und es falle ihnen oft schwer, nein zu sagen, weiß Agel: „Wenn Betroffene erfahren, dass sie hochsensibel sind, ist das oft eine Erleichterung. Es hilft das Wissen, dass es anderen Menschen ähnlich ergeht. Gemeinschaft ist oft die beste Therapie!“ Am 7. März findet in Mainz der Fachtag Hochsensibilität statt. Fachkräfte, Betroffene und Interessierte sind hierzu gleichermaßen eingeladen.
Illustration: MissLunaRose12, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons


