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Tiere Umwelt

Urzeit-Parasit und Kuchenfüllung

Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 62: Das Flussneunauge

von Konstantin Mahlow

Der Rhein ist ein Fluss voller Geheimnisse. In seinen Fluten und Sedimenten verstecken sich nicht nur Weltkriegsbomben und mindestens eine Dampflok aus dem Jahr 1852, sondern bisweilen auch äußerst kuriose Lebewesen, von denen viele noch nie etwas gehört haben. Dazu zählt zweifelsohne das Flussneunauge. Wohl kaum ein Spaziergänger würde ein angespültes Exemplar auf Anhieb identifizieren können. Die Tiere wirken wie eine skurrile, außerirdisch anmutende Mischung aus Aal und Blutegel, sind aber biologisch betrachtet weder Fisch noch Wurm. Überhaupt ist an ihnen so ziemlich alles anders, als man es von einem Rheinbewohner erwarten würde. Das liegt in erster Linie an ihrer urzeitlichen Herkunft.

Das Flussneunauge (Lampetra fluviatilis) gehört zu den Rundmäulern, einer sehr ursprünglichen Gruppe von Wirbeltieren, die seit 500 Millionen Jahren existiert. Ihren Namen verdanken Neunaugen den sieben Kiemenöffnungen an jeder Seite, die mit jeweils einem Auge und Nasenloch zu neun addiert wurden. Vermutlich stammen sie von einem letzten gemeinsamen Vorfahren aller Wirbeltiere ab und haben über die Zeit eine Degeneration durchlaufen, wodurch sie zahlreiche Merkmale fortgeschrittener Fische wieder verloren haben. Dazu zählt vor allem das Fehlen eines Kiefers und Knochenskeletts, die durch einen runden Saugmund mit Hornzähnchen und einem Knorpelskelett ersetzt wurden. Besonders der Mund wirkt wie aus einer anderen Welt: Über der Öffnung befindet sich eine Hornplatte, auf der fünf bis neun scharfe Hornzähne stehen. Damit saugen sich die parasitisch lebenden Neunaugen an ihre Wirte heran: Zum Beispiel an Heringe, Dorsche oder andere Fische. Mit ihren Zähnen raspeln sie Haut und Gewebe ihrer Opfer auf und ernähren sich dann von dem frei gewordenen Blut, den Körperflüssigkeiten und dem Muskelfleisch. Dringen sie dabei in deren Leibeshöhle ein, sterben die Wirte.

Diese äußerst bestialische Ernährungsstrategie findet allerdings ausschließlich im zweiten Zuhause der Neunaugen statt, dass sie im adulten Lebensabschnitt beziehen: dem Meer. Flussneugen sind anadrome Wanderer. Nach dem Schlüpfen im Frühling verbringen die Larven zunächst mehrere Jahre gut verborgen im sandigen Flussboden und leben dort drei bis vier Jahre, bis sie etwa 15 Zentimeter groß sind und der Strömung in Richtung Nordsee folgen. In Küstennähe beginnen sie mit ihrem Leben als unauffällige Vampire, nach ein paar weiteren Jahren werden sie geschlechtsreif. Dann, meist in dunklen Herbstnächten, beginnt die Rückkehr. Getrieben von inneren Signalen schwimmen die erwachsenen Tiere, nun bis zu 40 Zentimeter lang, aus der Nordsee in den Rhein zurück und weiter bis in seine Oberläufe. Sie überwinden Strömungen, Hindernisse und Wehre und saugen sich dabei mit ihrem Mund immer wieder an Steinen an, um Kraft zu schöpfen. Anders als Lachse springen sie auf ihrer Wanderung nicht, sondern kämpfen sich beinahe stoisch Stück für Stück voran.

Im Frühjahr erreichen die Flussneunaugen mit letzter Kraft ihre Laichplätze in kiesigen, sauerstoffreichen Flussabschnitten. Mit wellenartigen Bewegungen bauen die Männchen kleine Laichgruben im Kies und warten auf ihre Partnerinnen. Nach der Eiablage endet ihr Lebensweg, die erwachsenen Tiere sterben erschöpft – doch mit den schlüpfenden Larven startet der Kreislauf von vorne. Vorausgesetzt, es ist überhaupt zu dem tödlichen Liebesakt gekommen. Flussverbauungen und das daraus resultierende Verschwinden der Kiesbänke, Wasserkraftwerke sowie die Umweltverschmutzung erschweren ihre Rückkehr und haben das Flussneunauge zwischenzeitlich an den Rand des Aussterbens gebracht. In den vergangenen Jahren haben sich die Bestände im Rheinsystem aber dank der verstärkten Bemühungen im Gewässerschutz wieder deutlich erhöht.

Ihr Stammbaum, ihre Nahrungsaufnahme, das Leben in zwei Welten und das bittersüße Ende – Neunaugen sind ein Fall für sich. Doch trotz all dieser Extreme kennt sie bis heute kaum jemand. Das liegt vielleicht auch an der einfallslosen Küche hierzulande. In England war jahrhundertelang der „lamprey pie“, der Neunaugenkuchen, eine dem Adel vorbehaltene Delikatesse aus der Stadt Gloucester. Man muss schon Mut mitbringen, um sich diese kulinarische Schöpfung bildlich vorzustellen: In Wein und Gewürzen gebackene Flussneunaugen, umhüllt von einer Pastete. Traditionell wurde seit dem Mittelalter dem Königshaus zu Weihnachten, später nur noch zu besonderen Anlässen, eine Neunaugenpastete als Geschenk überreicht – Queen Elizabeth II kam immerhin viermal in dieses „Vergnügen“. Doch weil die Neunaugen auch in Großbritannien selten geworden sind, musste sich König Charles bei seiner Inthronisierung mit einer Pastete gefüllt mit Äpfeln und Schweinefleisch zufriedengeben. Ob zu seinem Bedauern, ist nicht bekannt.

Foto: Tiit Hunt, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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