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Tiere Umwelt

Invasion der Glubschaugen

Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 64: Schwarzmund-Grundel und Andere

von Konstantin Mahlow

Zugegeben, diese Kolumne beginnt nicht zum ersten Mal mit einem gedanklichen Spaziergang am Mainzer Rheinufer. Doch in den vermeintlich leblosen Betonwüsten des Zollhafens oder des Stresemann-Ufers verstecken sich jenseits der Reling kleine Hot Spots des Lebens, die immer einen genauen Blick wert sind. Hier reihen sich die endlosen Steinpackungen aneinander, die einst zum Zweck der Uferbefestigung aus dem Weisenauer Steinbruch angekarrt wurden. Heute bilden die Steine und der sie umgebende Sand- und Schlickboden ein Rückzugsraum für viele Lebewesen unterschiedlicher Größe und Herkunft. Eine Gruppe davon, die im Rhein noch relativ neu ist, lässt sich jetzt im Mai bei sonnigem Wetter besonders einfach auf den hellen Steinen beobachten: Aus dem Schwarzem Meer eingewanderte, immer hungrige Grundeln auf der Suche nach Nahrung.

Ursprünglich war der Rhein kein Grundel-Fluss, höchstens ein Steinbeißer-Fluss, eine am Gewässerboden lebende Schmerlen-Art, die es im Oberrhein noch immer gibt. Doch ihre Nische im Strom mussten sie vielerorts an eine ganze Reihe invasiver Grundel-Arten abgeben oder sie zumindest teilen. Möglich machte das natürlich der Mensch, wenn auch ohne jede Absicht. Mit dem Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals, der 1992 fertig gestellt wurde, öffnete sich eine biologische Autobahn von Osten nach Westen, die seither die zwei größten Flusssysteme Mitteleuropas verbindet. Kleinere Fische wie die handgroßen Grundeln profitierten in ihrer Ausbreitung zudem von der Binnenschifffahrt: Im Ballastwasser der Schiffe und an deren Rümpfen konnten die Grundeln weite Strecken mühelos überwinden. So kam ein Teil der Fische nicht über den Kanal, sondern über Schiffe in den Rhein, die vorher mit Ballastwasser aus dem Schwarzen Meer durch das Mittelmeer und die Nordsee bis zur Rheinmündung gefahren sind. Eine Invasion von zwei Seiten, die spätestens 2008 ihren Anfang nahm.

Grundel ist nicht gleich Grundel
Heute haben sich Grundeln als erfolgreiche Neozoen im Hauptstrom des Rheins und den meisten Nebenflüssen in großen Beständen etabliert und bilden in manchen Flussabschnitten die mit Abstand häufigste Artengruppe, teilweise mit einem Anteil von 95 Prozent aller gefangenen Fischen. Doch Grundel ist nicht gleich Grundel. Im Rhein gibt es heute mehrere, sich teils sehr ähnliche Arten, die alle den mehr oder weniger gleichen Lifestyle haben: Sie halten sich in steinigen Uferzonen und Bereichen mit ruhiger Strömung auf und ernähren sich hauptsächlich von Wirbellosen, wie die massenhaft vorkommenden Bachflohkrebse, aber auch von Muscheln, Schnecken und Fischlaich. Ihre Bauchflossen sind zu einem Saugnapf zusammengewachsen, mit dem sie sich in der Strömung an Steinen festhalten können. Dafür fehlt ihnen eine Schwimmblase, weshalb sie praktisch zu einem Leben am Flussboden verdammt sind.

Die häufigste und bekannteste Art ist die Schwarzmund-Grundel (Neogobius melanostomus). Die bis zu 15 – selten auch bis zu 20 – Zentimeter langen Fische haben in den Steinpackungen einen idealen Lebensraum gefunden und erobert. Kurios ist allerdings ihr Name: Schwarzmund-Grundeln kommen zwar aus dem Schwarzen Meer und haben zudem einen schwarzen Fleck auf ihrer Rückenflosse, aber keinen explizit schwarzen Mund – auch wenn die Männchen zur Paarungszeit insgesamt eine dunkle Färbung annehmen. Häufiger auf sandigem Boden als zwischen Steinen zu finden ist die Flussgrundel (Neogobius fluviatilis). Die größte Art mit über 30 Zentimetern ist die Kessler-Grundel (Ponticola kessleri), die einen breiten Kopf und eine auffällig starke Marmorierung besitzt. Sie gilt als aggressivste und räuberischste Grundel-Art. Kleiner und seltener ist die Marmorierte Grundel (Proterorhinus semilunaris).

Des einen Leid, des andern Freud
Auf die heimische Fischfauna im Rhein haben die Grundeln aus dem Schwarzen Meer bisher einen ambivalenten Einfluss. Als Laichräuber sind sie in der Lage, Bestände anderer Arten großräumig zu dezimieren. Wie groß dieser Schaden aber tatsächlich ist, bleibt umstritten. Auch in diesem Frühjahr sind wieder große Schwärme von Jungfischen in den Flachwasserzonen wie dem Zollhafen zu sehen, die die Grundeln offensichtlich nicht wegfressen konnten. Vermutlich reagieren die verschiedenen Arten unterschiedlich auf die Anwesenheit der Südosteuropäer, die mittlerweile seit mindestens 15 Jahren im STUZ-Gebiet heimisch sind. Einige profitieren sogar von ihnen: Raubfische wie Barsche, Welse und Zander, haben sich zunehmend auf das neue, massenhaft verfügbare Nahrungsangebot eingestellt und jagen sich an ihnen satt. Sie alle drei sind außerdem aggressive Nestverteidiger und daher weniger anfällig für den Laichhunger der Grundeln. Selbst Angler, die die ständig beißenden Grundfische zunächst noch verfluchten, nutzen sie mittlerweile als Köder. Los wird der Rhein und seine Bewohner sie sowieso nicht mehr.

Foto: Eric Engbretson, U.S. Fish and Wildlife Service, Public domain, via Wikimedia Commons

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