Am Übergang der Elemente
Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet: Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 66: Der Fischotter
von Konstantin Mahlow
Was eine Wildkamera da auf einem Biberdamm an der rheinhessischen Selz zufällig eingefangen hat, war nicht weniger als eine kleine Sensation. So zumindest bezeichnete der SWR Anfang Juni die erste Sichtung eines Fischotters in Rheinland-Pfalz seit den 1950er Jahren – genauer gesagt im Landkreis Alzey-Worms, ausgerechnet. In einer der waldärmsten und trockensten Landschaften Deutschlands hätte man vielleicht nicht mit der Anwesenheit eines aquatischen Säugetiers wie dem Otter gerechnet. Doch dass er nun gerade hier wieder gesichtet wurde, ist vor allem ein Erfolg der jahrzehntelangen Bemühungen um die Selz.
Der mit 63 Kilometer längste Binnenfluss Rheinhessens, in Mainz und Wiesbaden erstaunlich unbekannt, entspringt im Donnersberg in der Nordpfalz, mäandert gemächlich bei einer durchschnittlichen Breite von vier bis fünf Metern durch das Hügelland und mündet schließlich bei Ingelheim im Rhein. Seit den 1990ern wird die Selz teils aufwendig renaturiert. An mehreren Stellen wurde der Fluss aus einem begradigten Betonbett befreit und die Entstehung von neuen Auen gefördert, die heute als Lebensräume für Fische, Amphibien, zahlreiche Vogelarten und einige Dutzend Biber dienen – inklusive großer Biberburgen wie in Schafhausen (Alzey). Nun also hat auch der Eurasische Fischotter (Lutra lutra) den wiedergewonnenen Naturraum entdeckt. Zuvor hatten Naturschützer immer wieder einzelne Spuren von Ottern gefunden, jetzt gelang endlich die erste Aufnahme mit einer Kamera. Wo genau der scheue Gast gefilmt wurde, bleibt aber ein Geheimnis, denn wie alle Raubtiere hat auch der Fischotter nicht nur Freunde.
Der Fischotter aus der Familie der Marder ist ein Lebewesen der Übergänge, das gleichermaßen an Wasser und Land angepasst ist und spielend zwischen beiden Elementen wechselt. Seine Hauptbeute wie Fische und Krebse jagt er tauchend. Dafür ist sein Körper perfekt angepasst: lang und geschmeidig, mit dichtem, wasserabweisendem Fell, das selbst im kalten Winter die Nässe von seiner Haut fernhält. Als Nahrungsopportunisten gehen Otter aber auch an Land auf Streifzüge und erbeuten Kleinsäuger, Insekten und Vögel. Die oft kilometerlangen Reviere werden vor allem nachts abgesucht. Und auch sonst lassen sich die vorsichtigen Fischotter selbst dort, wo es sie noch häufiger gibt, kaum jemals blicken. Die Bilder spielender Otterfamilien aus diversen Dokumentationen werden für die meisten Menschen auf dem Bildschirm bleiben. Ein Klassiker in diesem Zusammenhang war der Otterteich in der Fasanerie bei Wiesbaden, dessen Bewohner sich bei unzähligen, sich über Jahre hinstreckenden Besuchen des noch jungen Autors dieser Kolumne nicht einmal zeigten. Auch wenn die Parkleitung schwor, dass in dem Teich ein Otter lebe.
Während sich die Allgemeinheit heute über die Nachricht seiner Rückkehr freut, wurde in der Vergangenheit kaum einem anderen Tier so viel Hass entgegengebracht wie dem putzigem Otter. Ausschlaggebend dafür war vor allem sein Fischhunger, den er auch gerne in Zuchtanlagen stillte. Frei erfunden waren dagegen die Horrorgeschichten, er würde Jagdhunde unter Wasser ziehen und so ertränken – seinem Ruf halfen sie nicht. Als später noch die Jagd wegen seines Felles intensiviert wurde, verschwand der Otter vielerorts. Doch selbst als er geschützt wurde, führten ihn Gewässerverschmutzungen und Lebensraumverluste in der Nachkriegszeit bis in die 90er an den Rand der Ausrottung. Erst seitdem verbesserte sich seine Situation, unter anderem durch die bundesweit zahlreichen Renaturierungsprojekte, so wie an der Selz. Unter vielen Anglern und Berufsfischern sind Otter trotzdem bis heute nicht sonderlich beliebt.
Mit dem ersten Auftauchen des Fischotters im STUZ-Gebiet geht die Arbeit für die Naturschützer derweil erst richtig los: Weitere Wildkameras wurden installiert, um in erster Linie herauszufinden, ob das Tier nur auf der Durchreise ist, oder sich dauerhaft an der Selz niederlässt. Auch die Herkunft des Otters ist noch völlig unklar. Dass es aber in der Rebstockwüste Rheinhessen überhaupt wieder Lebensräume gibt, die Biber, Otter und Co. anlocken, macht schonmal Hoffnung für eine artenreichere Zukunft in dieser landwirtschaftlich so intensiv genutzten Region, in der es für die Natur lange kaum einen Platz gab.
Foto: Alexander Leisser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons


