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Ein Leben fürs Kostüm

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Kostümbildnerin Jula Reindel entwickelt aufwendige Bühnenoutfits für internationale Theaterproduktionen.

 

Durch eine Türe der Ateliers im Mainzer Nordhafen erklingt Chopins Prelude in E-Minor, es duftet nach frisch gebügelten Textilien, die Trapierpuppen neben den in Reihe stehenden Industrienähmaschinen wirken in ihrem Arrangement wie eine kleine intakte Familie. Das große Regal mit Nähgarn schmückt den Raum der Kostümwerkstatt wie das Bücherregal eines Wohnzimmers. An den Wänden hängen Malereien diverser Modekollektionen, Zeichnungen von Kostümen, Masken und Skizzen.

Über Bangkok nach Leipzig
An einer Arbeitsplatte steht eine junge Frau Mitte dreißig und misst mit Ihrem Maßband einen Ballen Stoff. Jula Reindell arbeitet als freiberufliche Kostümbildnerin.
Jede Produktion sorgt für spannende Momente, ist aufregend und bringt bis zur Premiere ständige Veränderungen mit sich. Für eine leitende Stelle am Theater braucht man viel Erfahrung. Als Tochter einer bildenden Künstlerin und eines Entwicklungshelfers wusste sie schon sehr früh, dass es einmal ein künstlerischer Beruf werden sollte. Sie genoss eine sehr freie und kreative Erziehung, lebte mit ihren Eltern bis zu ihrem sechsten Lebensjahr auf den Philippinen. Nach dem Abitur in Bad Kreuznach sammelte sie erste Erfahrungen als Hospitantin der Kostümabteilung für das Stück „Evita“ am Staatstheater Mainz. Danach absolvierte sie einen Schnitt- und Nähkurs im Tempel Wat Tatong in Bangkok.
Weitere Erfahrungen in der Schnittkonstruktion machte sie in der Bad Kreuznacher Industrieschneiderei Glaeser. Dann ging es weiter an der Fakultät für Gestaltung im Fachbereich Mode, wo sie auch ihr Diplom bestand. Für Ihre Diplomarbeit hatte sie die Aufgabe eine eigene Kollektion umzusetzen, die sie im Museum für Angewandte Kunst in Wien präsentieren durfte. Mehrere Jahre lebte Jula dann in England und erlangte am Londoner College of Fashion ihren „Master of Arts – Fashion Design and Technology“. Zurück in der Heimat wurde sie dann mit dem Bayerischen Staatspreis für junge Modedesigner ausgezeichnet. Nach einem Ausflug in die Modewelt kehrte sie aber in die Welt des Theaters zurück.
Momentan entwirft Jula die Kostüme für eine Produktion an der Oper Leipzig. Da wird gezeichnet und es werden Kleidungsstücke entworfen, Beispielbilder aus Illustrierten herausgeschnitten, es wird geschneidert und es werden Mustermodelle hergestellt. Um ein Kostümbild an einem großen Theater umzusetzen, benötigt man die handwerkliche Grundlage, die Fähigkeit für eine gute Recherche in der Kostümentwicklung, Führungsqualitäten und Teamfähigkeit beim Zusammenspiel aller Gewerke im Theater und vor allem eine überbordende Kreativität. Es bedarf eines Prozesses, die Kostüme für ein Stück zu entwickeln. Am Anfang gibt es ein leeres Skizzenbuch für Entwürfe, Zeichnungen, Collagen, Stoffmuster, Schablonen. Darin werden akribisch alle Muster gesammelt und festgehalten. Am Ende der Arbeit ist das Buch voll und man hat eine künstlerische Anleitung für die Kostümabteilung und ein eigenständiges kleines Kunstwerk.

Theater machen bedeutet Lösungen finden
Kostümbildnerin ist eine verantwortungsvolle Position. Geht mal etwas schief, passt das Kostümbild mal nicht ganz zur Produktion, liegt es in ihrer Hand, es zu verändern. Auch in der letzten Produktion, der Oper „Rusalka“ von Antonin Dvořák entwickelte sie das Kostüm. „Die Kostüme waren aufwändig. Es gab Meerjungfrauen, Hexen, Trolle, Meermänner und andere Sagenwesen. Ich habe die Luft angehalten, dass bei den vielen Platzwechseln im Stück die Reißverschlüsse halten. Am Ende haben wir dann mit Spezialverschlüssen gearbeitet, da die Handelsüblichen immer gerissen sind. Theater machen bedeutet, stets Lösungen zu finden.“

Märchenhafte Kostümentwürfe von Jula Reindell
Deutschlandweit arbeitet Jula für bekannte Häuser mit, von denen so mancher Modeschöpfer oder Theatermacher wohl träumt. Beispielsweise für das Musiktheater im Revier und das Staatstheater Kassel. Selbst für die Dresdner Semperoper wurden Julas Konzeptionen schon umgesetzt. Als Freiberuflerin ist sie seit 2012 mit ihrem Atelier im Kreativquatier des Mainzer Nordhafens zu Hause und gestaltet von dort aus ihre deutschlandweiten Produktionen. In den Mainzer Kammerspielen konnte man ihre wundervollen Designs schon unter anderem in „Notre Dame“ (Delattre Dance Company) bewundern. Fragt man Jula wie es wäre, auch mal für das Mainzer Staatstheater zu entwerfen, nickt sie freudig. „Klar, liebend gerne. Wäre ein schönes Heimspiel.”

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