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„Kein Geld, keine Papiere, keine Hilfe“

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Gerade im Winter ist das Dasein für Wohnungslose besonders hart. Wir haben mit zwei Mainzern, die auf der Straße leben, über ihr Schicksal gesprochen.

An der Ecke zum Neubrunnenplatz sitzt ein bärtiger Mann auf einer Isomatte, die Beine mit einem Schlafsack bedeckt. Die Isomatte passt perfekt in die überdachte Einbuchtung des Gebäudes. Dennoch bringt der Platz keinerlei Privatsphäre vor den vorbeiströmenden Passant*innen mit sich. Es ist schon dunkel, die Außentemperatur knapp über null Grad. Eine halbe Stunde unterhalten wir uns bereits mit Händen und Füßen mit dem bärtigen Mann bis wir erfahren, dass sein Name Dan ist. Dans Stimme ist schwach, zuerst vernehmen wir nur ein lauteres Flüstern, das allerdings im Laufe des Gespräches kräftiger wird. Dan kommt aus Rumänien und allmählich beginnen wir die Geschichte, die uns der 52-Jährige erzählen will, zu verstehen. Vor neun Jahren begann seine Reise durch zahlreiche westeuropäische Städte, getrieben von der Suche nach Arbeit. Ob Berlin, Dresden, Bern, Frankfurt oder Düsseldorf, er verrichtete körperliche Arbeiten, wie Kisten und Möbel schleppen, stets illegal und ohne Papiere. Gemeinsam mit seinem Kollegen wohnte er in einem Auto.
Ein schwerer Arbeitsunfall vor zwei Jahren in Köln zwang ihn dann auf die offene Straße. „Bein kaputt“, sagt Dan und schlägt wütend auf seine schwachen Extremitäten. Dem Vater zweier Kinder ist es seither nicht mehr möglich allein zu gehen. Dan deutet auf einen an die Wand gelehnten Rollator. „Mein Lamborghini“, sagt er grinsend. Der Unfall bereitet ihm heute noch Schmerzen. Er holt Schmerztabletten aus seiner Tasche. „Die helfen nicht.“ Manchmal kommt ein Freund vorbei, erzählt er. Der hilft ihm in den nahegelegenen Park, um auf Toilette zu gehen. Da Dan nun nicht mehr arbeiten kann, fehlt es an Geld. Er zieht eine Hand voll Münzen aus seiner Jackentasche. Das ist alles, was er momentan besitzt. Das reicht nicht für eine Wohnung, zumal Dan auch keine Papiere besitzt. „Kein Geld, keine Papiere, keine Hilfe.“ Alleingelassen fühlt er sich, verzweifelt und wütend. Dan erzählt uns von Zahnschmerzen. Eine Behandlung hätte 140 Euro gekostet. Immer wieder wiederholt er diesen Betrag. Dann zeigt er uns durch Gestiken wie er das Problem selbst löste.
Er nahm einen Faden und zog sich den Zahn im Stadtpark selbst. Ein Mann kommt vorbei und steckt Dan etwas zu. Es sind fünf Euro, die Dan zum Strahlen bringen. Er hält sie sich mit einer verschmitzten Geste ans Auge und grinst uns an. Dann nimmt der bärtige Herr eine Zigarette, nicht ohne uns auch welche anzubieten. Gemeinsam atmen wir uns den Rauch entgegen.

Menschen aus Osteuropa haben keine Perspektive
Wer nicht aus Deutschland kommt und nicht gemeldet gearbeitet hat, hat keinerlei Anspruch auf staatliche Leistungen, erklärt eine Sozialarbeiterin der Mainzer Diakonie. Auch in Hilfseinrichtungen für Wohnungslose haben es Nichtdeutsche besonders schwer, informiert das Thaddäusheim. Erst als ein Osteuropäer vor einigen Jahren in einem Parkhaus erfror, sah die Kommune Mainz sich angesichts medialen Drucks gezwungen, pro Wohnheim zwei Plätze für Menschen aus Osteuropa frei zu machen. Bei der Winterkälte gibt es allerdings ohnehin zu wenig freie Plätze für die 300 bis 500 Mainzer Wohnungslosen, egal für wen. Zumal Menschen mit erheblichen körperlichen Beeinträchtigungen oft gar nicht aufgenommen werden können. „Dafür sind wir nicht ausgestattet“, erklärt das Heim Thaddäus. Und so bleibt dem bärtigen Mann aus Rumänien am Ende nur eine Möglichkeit: die kalte Straße.
Nur ein paar Meter weiter, ebenfalls an der Ecke Neubrunnenplatz, treffen wir Holger und seine Hündin Ronja. Eine Isomatte und Decken setzt auch der 46-Jährige der Kälte entgegen. Für seine Hündin hat er reichlich Futter und Spielzeug dabei. „Zuallererst kommt meine Hündin, dann ich“, sagt er. Typischerweise beginnt Holgers Tag auf der Straße mit einem Frühstück für Bedürftige bei der Mainzer Diakonie. In der Fußgängerzone hofft er dann auf die Unterstützung Vorbeigehender. Eine alte Frau grummelt im Vorübergehen: „Zum Arbeiten zu fein.“ Andere Mitmenschen sind ihm heute wohlgesonnener. Holger bekommt würzige Salami und Schokolade geschenkt. Während der kalten Wintermonate lebt Holger gemeinsam mit drei weiteren Wohnungslosen in einem Container. Diese werden von der Stadt Anfang Dezember bis April aufgestellt. Mit seinen Mitbewohnern versteht sich Holger gut. Im Sommer wohnte die Gruppe Wohnungsloser bereits gemeinsam in einem vom Ordnungsamt geduldeten Zeltlager am Rande der Stadt. „Wir waren sauber und leise, da haben die ein Auge zugedrückt.“ Ob im Sommercamp oder im Wintercontainer, am Ende vom Tag wird das wenige Geld zusammengelegt, gemeinsam eingekauft und gekocht. Wenn etwas fehlt, hilft man sich gegenseitig aus. „Solidarisch, nur so geht’s.“ In den anderen Containern verläuft das beengte Zusammenleben nicht immer so reibungslos.

Kostenlose ärztliche Versorgung: Mangelware
Seit vier Jahren lebt Holger auf der Straße. Nach zwölf Jahren Anstellung in einem Tierheim verlor der gelernte Tierpfleger seinen Arbeitsplatz und die daran gekoppelte Wohnung. Nach zwei kurzen Haftstrafen gelang es ihm angesichts der Wohnungsknappheit nicht mehr, ein eigenes Domizil zu finden. Holgers Hände zeugen vom harten Leben auf der Straße. Sie sind geschwollen und haben einige Narben davongetragen. Da Holger nicht krankenversichert ist, sind ihm Arztbesuche momentan nicht möglich. Nur in der von Doktor Trabert eigens gegründeten „medizinischen Ambulanz ohne Grenzen“ werden Wohnungslose in Mainz kostenlos zu versorgen. Seit Holger auf der Straße wohnt, haben sich einige Freunde von ihm abgewandt. Den Rest besucht er regelmäßig. „Die Tatsache auf der Straße zu sein heißt nicht, dass man alles abgebrochen hat und kein Interesse mehr am sozialen Leben hat“, erzählt er.
Holger hat eine Perspektive. Eine Sozialarbeiterin der Mainzer Diakonie ist für ihn in eine bürokratische Schlacht mit der Krankenkasse gezogen. Sobald er wieder krankenversichert ist, hat er Arbeit und Wohnung auf einem Gnadenhof für alte Tiere in Aussicht. Denn das Leben auf der Straße möchte Holger endgültig hinter sich lassen. „Mir macht das keinen Spaß hier zu sitzen und zu betteln. Ich freue mich darauf, wieder arbeiten zu gehen und wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben.“
Holger überlebt bisher auf der Straße dank sozialer Vernetzung und spendenbasierten Hilfsangeboten. Dieses Überleben ist keine Selbstverständlichkeit. In den vergangenen zwei Jahren starben zehn seiner Bekannten auf der Straße, „Es gibt Leute, die haben keine sozialen Kontakte mehr. Die geben dann auf und gehen unter“, sagt Holger. „Ich weiß nicht, wie ich in zehn Jahren aussehen würde.“ Als mögliche Lösung sieht Holger die Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus. Außerdem müsste die Gesellschaft toleranter und humaner sein, damit niemand mehr durchs Raster fällt.

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