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Kultur

Die Geschichte von Aquae Mattiacorum

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Wiesbaden vernetzen und die facettenreiche Geschichte der Stadt zu veranschaulichen ist nur ein Auftrag an das SAM (Stadtmuseum). Der andere ist es, die wahre Identität der Stadt neu zu definieren. Im Bild: Museumsdirektorin Sabine Philipp.

von Mirijam Ozoux-Krebber

Vielleicht erinnern sich einige noch an das jahrelange Hin- und Her zum Wiesbadener Stadtmuseum. Gute zwanzig Jahre lang diskutierte man, dann scheiterte der Neubau. Aber der Marktkeller stand frei und diese Chance ließ sich das Kulturamt nicht entgehen. In nur anderthalb Jahren wurde eine Dauerausstellung über die Historie von Wiesbaden und Umgebung auf die Beine gestellt. Sabine Philipp, die neue Direktorin des Museums freut sich über das breite Publikum. Entweder lernen die Gäste dazu, oder sie freuen sich über die bündige Zusammenfassung. Zufrieden sind aber alle – „auch die, die im Bürgerentscheid gegen das Museum gestimmt haben.“ Aufgebaut wie eine Zeitleiste, die bis in prähistorische Zeiten zurückreicht, bietet die Geschichte Wiesbadens auch allen Nicht-Wiesbadenern einen guten Geschichtsüberblick.

Die Römer sind die ersten, denen man nachsagen kann, dass sie die Thermalwasser aus Wiesbaden – damals Aquae Mattiacorum – zu Heilzwecken nutzten. Dort, wo heute das Palasthotel steht, fand man beim Bau besipielsweise eine große römische Thermenanlage. Fotos von den Ausgrabungen befinden sich im SAM. Im Mittelalter, als die Badehäuser noch hießen wie Gaststätten („Zum Rebhuhn“ oder „Schwarzer Bock“), dienten die Badehäuser dann nicht mehr nur der Genesung, sondern auch dem Zeitvertreib. Man speiste im Bade und üppige Gelage und Ausschweifungen waren gang und gäbe. Den noblen Charakter als Weltkurstadt erarbeitete sich die Stadt dann erst 1806, als sie Hauptstadt des Herzogtums Nassau wurde. Sabine Philipp findet es schade, dass sich viele Wiesbadener heute der Bedeutung der Quellen für die Stadt gar nicht mehr bewusst sind. Doch ohne die Thermen und seine Bäder wäre Wiesbaden heute wahrscheinlich noch ein Dorf.

Netzwerk- und Geschichtsarbeit

Für eine Stadt auf jahrelanger Identitätssuche, hin- und hergerissen zwischen nostalgischen Gefühlen und Modernisierungswahn, ist ein Museum wie das SAM auf jeden Fall ein erster großer Schritt. Dorf oder Stadt – ein Zielkonflikt, der die Stadt schon seit Geschichtsgedenken begleitet – und erst durch einen Blick hinter die Kulissen (sprich, in den Marktkeller) verstanden wird. Sabine Philipp will das Museum langfristig gerne zu einer Bürgerplattform werden lassen. Eine Projektinsel inmitten des Museums wird bald Schulklassen, Lehrer und Schüler sowie Vereine dazu einladen, sich zu verschiedenen Themen Gedanken zu machen und die Ergebnisse hier auszustellen. Die Rahmenprogramme rund um die Themenausstellungen stellen den Link zu anderen aktiven Projekten, Personen oder Vereinen aus Wiesbaden her und verknüpfen so weitere Kulturschaffende. Gelungen ist die Netzwerkarbeit jetzt zum ersten Mal mit der neuen Austellung zu Topf und Söhne, die im Prospekt auf viele weitere Gedenkstätten und Erinnerungsprojekte zur Aufarbeitung der NS-Zeit in Wiesbaden hinweist. Die Wanderausstellung aus Aachen deckt den erschütternden Fall der beiden Firmenbrüder der Brennofenmanufaktur Topf & Söhne aus dieser Stadt  auf, die durch ihre Unwissenheitsbehauptungen nie verantwortlich gemacht worden sind für ihre  menschenverachtenden Geschäfte mit der SS bei der Massenvernichtung und -beseitigung in den Konzentrationslagern. Ernst Wolfgang Topf siedelte sich nach Kriegsende in Wiesbaden an und ließ sich ohne Bedenken im Handelsregister als Hersteller von Verbrennungsanlagen wieder eintragen. Dieser Fall der Firma Topf & Söhne ist nur einer von vielen und zeigt die Verflechtung von Industrie und Holocaust auf. Die Aufarbeitung der Firmengeschichte ist von großer  Bedeutung für die  Erinnerungsarbeit und führt uns die Verantwortung der Gesellschaft für die Wahrung der Menschenrechte heute eindringlich vor Augen. Gedenkstättenrundgänge und Vorträge runden die Ausstellung ab. In Lehrerfortbildungen wird das Thema „Was geht uns das heute an“ wieder aufgegriffen und trifft bereits auf große Nachfrage. Das Museum verteidigt sich würdig als Institution der Bildung und ist hoffentlich bald nicht mehr wegzudenken aus der Wiesbadener Innenstadt. Ob ein Bürgerentscheid im Bezug auf den Bau neuer Bildungseinrichtungen immer so sinnvoll ist, bleibt am Ende als offene Frage im Raum stehen. Vielleicht hat der Bürgerentscheid aber auch Gutes gebracht, denn zumindest wird jetzt der Marktkeller endlich wieder sinnvoll genutzt.

 

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