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Betreuungsverhältnis: eins zu eins

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Unsere Autorin hat zwei Studentinnen getroffen: die eine hatte eine Affäre mit ihrem Prof, die andere mit mehreren Dozenten. Dabei gab es gebrochene Herzen, eine Flucht aus der Stadt, aber auch ein Happy End.

Von Gesa Züschen

Tina (Name von der Redaktion geändert) sieht anders aus, als ich sie mir vorgestellt hatte. Wir treffen uns in einem Café, und sofort ärgere ich mich über das Klischee in meinem Kopf, eine Art intellektuelles Top-Model. Stattdessen sehe ich eine unscheinbare Frau in Jeans und Kapuzenpulli. Und die soll mit ihrem Prof im Bett gewesen sein? Wir geben uns die Hand, lächeln uns an. Schon bald wird uns klar, dass das Thema zu intim ist, um trotz gesenkter Stimme vielleicht doch am Nachbartisch belauscht zu werden. Wir entscheiden uns für einen Spaziergang. Gar nicht so einfach, sich beim Laufen Notizen zu machen. Aber Tina fühlt sich so am wohlsten.

Sie sei nicht „so eine“, sagt sie gleich zu Beginn. Damit meint sie, dass sie ihren Prof nicht verführt hat, um ihre Note zu pimpen. Sie habe auch gar nicht damit gerechnet, dass ihr so etwas jemals passieren würde. Doch dann kam dieser Abend. Ein Vortrag am Fachbereich. „Das Thema hat mich interessiert“, sagt Tina. Sie studiert inzwischen an einer Hochschule im Rhein-Main-Gebiet. Ihr Prof, der einen Lehrstuhl in einer anderen Ecke Deutschlands hat, ist etwa doppelt so alt wie sie, verrät sie – nicht aber, wie alt sie selbst ist und auch nicht, wie er aussieht. „Ich stellte mich einfach dazu, als der Referent und mein Prof und noch ein paar andere Leute nach dem Vortrag über das Thema sprachen“, erinnert sich Tina. Nach und nach seien alle gegangen, zuletzt der Referent. Da habe ihr Prof sie gefragt, wo sie wohne und ob er sie nach Hause fahren solle. Es sei ja schon spät. „Das fand ich höflich“, so Tina. „Eigentlich habe ich eine sehr lebendige Fantasie. Aber selbst als wir nebeneinander im Auto saßen hatte ich keinen Gedanken in diese Richtung.“

Aber es entwickelte sich in genau diese Richtung. „Wir unterhielten uns weiter. Er fragte, ob er mich noch auf ein Glas Wein bei sich zuhause einladen dürfe. Ich war schon ein bisschen überwältigt. Natürlich habe ich Ja gesagt.“ Doch bis zum Glas Wein kamen die beiden erst gar nicht, oder anders gesagt: Sie übersprangen diesen Schritt. Dabei war es nicht der erfahrene Professor, der die Studentin verführte. Es war Tina, die den Anfang machte. „Wir waren kaum in seiner Wohnung, da hatte ich einen Impuls. Es kam ganz plötzlich. Ich habe ihm die Arme um den Nacken gelegt und ihn geküsst.“

Ich kann mir kaum vorstellen, wie diese unscheinbare, zurückhaltende Person ihren Prof vernascht. Aber sie hat es getan. Und sie bereut es nicht, sagt sie. „Es war was ganz besonderes zwischen uns in dieser Nacht“, erzählt sie. „Ich glaube, am Anfang war er nervöser als ich. Aber dann war es einfach nur schön. Hinterher hat er gesagt, er hätte auch mit dem Gedanken gespielt, Sex mit mir zu haben. Aber er hätte nicht gewusst, wie er es mir mitteilen sollte.“ Nach einem kurzen Nachdenken fügt Tina hinzu: „Vielleicht habe ich das ja in dem Moment in seiner Wohnung gespürt und ihn deshalb spontan geküsst.“

Pia: „Im Seminar ein bisschen anflirten“

Ganz anders Pia (Name von der Redaktion geändert). Die Mittzwanzigerin macht bald ihren Master. Auch sie studiert an einer Hochschule im Rhein-Main-Gebiet. Allerdings ist sie kurz angebunden. „Um sechs bin ich zum Essen eingeladen.“ Es ist halb sechs. Wir sitzen im Außenbereich eines Cafés, und Pia ist es herzlich egal, dass viele Leute um uns herum sitzen. Sie zündet sich eine Zigarette an und erzählt, dass sie noch nie auf Gleichaltrige stand, und dass ihr auch die meisten ihrer männlichen Kommilitonen immer wie kleine Jungs vorgekommen seien. Schon kurz vor ihrem Abi habe sie eine Affäre mit ihrem Deutschlehrer gehabt, berichtet sie rauchend. Im Studium hat sie dann weitergemacht. „Es ist so einfach. Im Seminar ein bisschen anflirten, dann in die Sprechstunde gehen und irgendein privates Interesse herausfinden, zum Beispiel Theater. Sich dann dafür verabreden und alles weitere entwickelt sich schon.“ Wie viele ihrer Dozenten hat sie auf diese Weise verführt? „Vier“, kommt die Antwort sofort. Auch einen Prof? „Nein. Das waren bei mir alles Opas. Die haben mich nicht gereizt.“

Pia erscheint mir abgebrüht. Ihr Auftreten ist das Gegenteil von Tinas. Pia sitzt auf ihrem Stuhl wie ein Filmstar, zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, lässig rauchend. Ich möchte wissen, ob sie es nicht unfair findet, auf diese Weise an gute Noten zu kommen. „Das funktioniert nur in der Fantasie der Leute so“, entgegnet Tina. „In der Realität läuft das nicht so billig. Eher im Gegenteil. Um keinen Verdacht zu wecken, bewerten die Dozenten eher streng. Aber dafür hatte ich plötzlich Macht, das habe ich gespürt. Ich wusste, wenn ich irgendwann mal ein Problem haben würde, hätte ich diese Männer in der Hand.“ Klingt nach Mafia, finde ich. Und wieso, wenn nicht für die Noten, ist Pia dann mit diesen Männern ins Bett gegangen? „Wieso hast du denn Sex?“ kommt die Gegenfrage. Leuchtet ein.

Tina: „Da vorne steht kein Gott …“

Über zwei Jahre hinweg zog sich die Tinas Affäre mit ihrem Prof. „Am unangenehmsten war es, wenn andere in meiner Gegenwart über ihn gesprochen haben. Dann dachte ich oft: Nein, so ist er gar nicht! Die Leute bekommen schnell ein falsches Bild von Anderen. Ich habe in diesen Situationen gelernt, nicht vorschnell zu urteilen. Und dass da vorne kein Gott steht, sondern ein ganz normaler Mensch.“ Für diesen ganz normalen Menschen waren die Treffen mit Tina „inspirierend“ und „beflügelnd“,  er widmete ihr sogar einen Beitrag in einem wissenschaftlichen Sammelband: Für T. Die Studentin bekam den Eindruck, dass ihr Prof immer mehr Nähe wollte. Sie verbrachten ein verlängertes Wochenende in einer europäischen Hauptstadt. Er schenkte ihr ein Notebook. Eines Tages kam sogar das Angebot, sie könne doch bei ihm wohnen, sie müsse es doch nicht nötig haben, in dieser teuren Stadt ein Zimmer zu finanzieren. „Das war mir dann zu viel“, gesteht Tina. „Zeit mit ihm verbringen, mit ihm schlafen, das war okay. Aber eine feste Beziehung mit einem Mann, der älter ist als mein Vater? Ich meine, hallo?“

Zu diesem Zeitpunkt tritt Tobias in ihr Leben. Er ist wie sie Student, jobbt in einem Fitnessstudio, führt ein bescheidenes Leben. Sie treffen sich ein paar Mal, und Tina spürt, dass sie sich in Tobi verliebt. Nach und nach entsteht eine Beziehung. Doch Tina bringt es nicht fertig, ihrem Prof und Liebhaber alles zu sagen und einen Schlussstrich unter dieses Kapitel zu ziehen. „Plötzlich war ich nicht mehr die Geliebte eines Professors, sondern einfach nur eine feige Frau, die ihren Freund betrügt.“ Tina war überfordert mit der Situation. Sie zog sich zurück. Zwei Männer fragten sich, warum, und keinem konnte sie die Wahrheit sagen.

Pia: „Ich empfehle: Genießt euer Studium!“

Pia hat sich auf keine längere Affäre eingelassen. Nicht aus Kalkül, sondern weil es sich so ergeben hat. In zwei Fällen blieb es beim One-Night-Stand. „Da ist kein Funke übergesprungen. Ich habe gemerkt, ich will kein zweites Treffen.“ Mit einem Dozenten traf sie sich häufiger, doch der beendete das ganze von sich aus, als er in eine feste Beziehung trat. Und Nummer vier? „Der ist jetzt mein Verlobter“, lacht Pia. Von daher wird es auch keine Nummer fünf geben. Wenn sie ihren Master hat und bei ihrem Traum-Dozenten alles läuft, wie es soll, wollen die beiden ins Ausland gehen. Wohin, das verrät Pia nicht. Es eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die sie und Tina haben: Beide wollen nicht, dass jemand dahinterkommt, welcher Lehrende da mit einer Studierenden angebandelt hat.

Würde Pia anderen Studentinnen empfehlen, es wie sie zu machen? Regelrecht auf Dozentenjagd zu gehen? „Ich empfehle allen, egal ob männlich oder weiblich: genießt euer Studium! Ob das jetzt Sex mit einem Dozent ist oder man lieber die meiste Zeit stumm in der Bib hockt oder sich ständig auf Partys die Kante gibt … Mach dein Ding, würde ich sagen.“

Tina: „Ich musste alles hinter mir lassen.“

Tina hingegen stand am Ende allein da. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und beichtete Tobias von ihrem Verhältnis mit dem Prof. „Er ist total ausgerastet“, erinnert sie sich. Und auch, als er sich beruhigt hatte, konnte er ihr nicht mehr vertrauen. Tobias entschied sich gegen die Beziehung mit Tina und machte Schluss. „Es war total schlimm. Wir hatten beide furchtbaren Liebeskummer, und ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt wie damals.“

Doch statt in die Arme ihres Profs zu fliehen, der ihr längst seine Liebe gestanden hatte, tat sie das Gegenteil. Sie schrieb ihm eine lange Mail, in der sie darlegte, warum sie sich nicht mehr sehen sollten und warum sie den Kontaktabbruch wollte. Außerdem beschloss sie, ihr Studium in einer anderen Stadt abzuschließen. „Ich musste das alles hinter mit lassen. Am meisten hat mich fertiggemacht, dass ich so lange gewartet habe und Tobias‘ Gefühle so schlimm verletzt habe.“

Doch Tina rät nicht generell davon ab, eine Affäre mit einem Prof anzufangen. „Ich glaube nicht, dass es klug ist, in Sachen Liebe bestimmte Dinge kategorisch auszuschließen. Ich bin halt nicht sehr geschickt damit umgegangen und habe große Fehler gemacht. Ich hätte nicht nur Tobi sofort einweihen müssen. Ich hätte auch meinem Prof viel früher sagen müssen, dass eine Beziehung für mich ausgeschlossen ist.“ Sie gibt zu, von Zeit zu Zeit seinen Namen zu googeln. Er publiziert viel, hält Vorträge, war auch schon in Fernsehtalkshows zu sehen. „Ich wünsche mir für beide, dass sie eine Partnerin finden, die gut für sie ist.“ Tina selbst hat ihr Liebesglück gefunden – außerhalb der Uni. Ihr Freund, mit dem sie seit einem guten Jahr zusammen ist, ist Koch.

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