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Mut zur Schwäche

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Studierende leiden häufiger unter psychischen Belastungen als andere Bevölkerungsteile. Wie kommt‘s? Und was tun? Wir haben bei der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der JGU nachgefragt.

von Marie Himbert

Psychische Belastungen sind während des Studiums eher die Regel als die Ausnahme. Zumindest gilt dies für die Studierenden der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz: Die Mehrheit klagt über ein niedriges Wohlbefinden sowie eine geringe Resilienz, worunter Psychologen die subjektiv empfundene, psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber Stresssituationen verstehen. 24 Prozent leiden sogar unter starken Erschöpfungsgefühlen. Das sind Ergebnisse einer Befragung von Wissenschaftlerinnen der JGU von 2017, die den Bedarf Studierender an einem Präventionsprogramm zur Stärkung der psychischen Gesundheit erfassen sollte. Diese wurde zwar während der stressreichen Prüfungsphase durchgeführt, dennoch sind solche Befunde durchaus alarmierend, können derartige Belastungen doch den Ausbruch einer handfesten psychischen Störung begünstigen. Tatsächlich sind psychische Probleme unter Studierenden bundesweit verbreitet. So kommt etwa die Barmer-Krankenkasse in ihrem Arztreport von 2018 zum Ergebnis, dass mehr als jeder sechste Studierende in Deutschland psychisch erkrankt ist. Der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit psychischen Diagnosen sei zwischen 2005 und 2016 sogar um 38 Prozent gestiegen.

Wie ist dieser rasante Anstieg zu erklären? Ist Bologna an allem Schuld? „Nein,“, sagt Caroline Lutz-Kopp, Psychologische Psychotherapeutin in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Uni Mainz, „viele Studierende profitieren sehr davon, dass das Studium verschulter und strukturierter ist“. Andere wiederum hätten mit den vergleichsweise geringen Entscheidungsspielräumen zu kämpfen. Auch der viel besprochene gesellschaftliche Leistungs- und Konkurrenzdruck müsse nicht zwingend einen Stressfaktor darstellen. „Konkurrenz ist nicht per se schlecht. Der Umgang damit ist entscheidend“, gibt die Psychotherapeutin zu bedenken. Manche Studierende fühlten sich durch Konkurrenzdruck angespornt, während andere darunter leiden.

Vielfältige Belastungen und Vorstellungsgründe

Zudem ist ein Studium nie der alleinige Auslöser für psychische Probleme, in der Regel wirken hier mehrere Stressfaktoren ungünstig zusammen. Auch die mit dem Studienbeginn verbundenen Umstellungen können prinzipiell als belastend empfunden werden. Sei es der Auszug von Zuhause, die Notwendigkeit, neue Kontakte zu knüpfen, finanzielle Schwierigkeiten oder zusätzliche Belastungen durch einen Nebenjob. Doch auch hier ist die psychische Widerstandsfähigkeit entscheidend – manche kommen gut damit klar, andere nicht. „Viele Betroffene tragen bereits vorher ein Päckchen mit sich rum“, weiß Lutz-Kopp.

Sie und ihr Team beraten Studierende in akuten Krisensituationen und führen bei leicht ausgeprägten psychischen Störungen Kurzzeit-Psychotherapien durch. Die häufigsten Vorstellungsgründe sind depressive Verstimmungen, gefolgt von Ängsten, Leistungs- oder Beziehungsproblemen. Außerdem bietet die Beratungsstelle unter anderem ein vielfältiges Kursangebot, etwa zum Thema Prüfungsangst, Redeangst oder Stressbewältigung. Auch ein Präventionsprogramm namens „me@JGU“ wird zurzeit konzipiert, mithilfe dessen individuelle Problemstellungen online – und damit zeitlich und räumlich flexibel – bearbeitet werden sollen, um den Studienalltag souveräner zu meistern und Überbelastungen vorzubeugen.

Wider das Stigma

Die stärkere Nachfrage nach Therapien ist sicher auch durch die reduzierte Hemmung zu erklären, sich professionelle Hilfe zu suchen. Diese wiederum ist wohl dem zunehmend offeneren gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Störungen zu verdanken. „Das Stigma steckt aber leider noch in vielen Köpfen“, beklagt Lutz-Kopp. Viele ihrer Klientinnen und Klienten trauten sich nicht, ihren Eltern oder Freunden davon zu erzählen. Sie schämten sich für ihre Probleme und betrachteten diese als Schwäche. Manche kämen jedoch auf Empfehlung; diese scheinen sich also mit anderen auszutauschen. Die damit verbundene soziale Unterstützung stellt eine wichtige Ressource dar und kann positiv zur Genesung beitragen.

Wie also kommt man gesund durch ein Studium? „Indem man sich seine Kräfte einteilt“, meint die Psychotherapeutin, „ein Studium ist nun mal kein Sprint, eher ein Marathon“. Das Wichtigste sei jedoch, seine eigenen Gefühle wahr- und ernst zu nehmen – und danach zu handeln. Sich frühzeitig Hilfe zu holen. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen. Also lass dir helfen, wenn du alleine nicht weiterweißt! Zu seinen Schwächen zu stehen, ist in Wahrheit eine große Stärke. Und die Voraussetzung dafür, dass es besser werden kann.

 

Kontakt

Psychotherapeutische Beratungsstelle
Hegelstraße 61, 5. Stock (HDI-Haus)
55122 Mainz
pbs@uni-mainz.de
06131/3922312

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