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Studienabbruch als Chance

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Fast jeder dritte Studierende bricht sein Studium ab. So wie Francesca und Marius, beide 22 Jahre alt. Die beiden sind mittlerweile glückliche Auszubildende. Hier erzählen sie von ihrem Werdegang.

von Marie Himbert

STUZ: Francesca, du hast nach dem ersten Semester International Management gemerkt, dass ein Studium nichts für dich ist und bist nun Chemikantin im ersten Lehrjahr. Marius, du hast dein Studium nach drei Semestern Wirtschaftswissenschaften abgebrochen, um letzten Herbst eine Ausbildung zum Schreiner zu beginnen. Wie zufrieden seid ihr aktuell mit eurer beruflichen Situation?
Francesca: Ich könnte nicht zufriedener sein. Ich habe das Glück gehabt, genau das Richtige für mich gefunden zu haben.
Marius: Das geht mir ähnlich. Ich lerne ständig dazu, kann Dinge konkret anwenden, auch für Zuhause, arbeite einfach praktisch. Mir gefällt, dass man jeden Tag sieht, was man geschafft hat. In den ersten Wochen musste ich mich natürlich daran gewöhnen, mitunter den ganzen Tag zu stehen, viel körperliche Arbeit zu leisten. Mittlerweile ist das gar kein Problem mehr.

Was waren damals eure Beweggründe, das Studium abzubrechen?
F: Ich war einfach total unglücklich mit der Situation und konnte mir nicht vorstellen, noch weitere zweieinhalb Jahre in dieses Studium zu investieren. Ich hatte gemerkt, dass die vielen Freiheiten, wie etwa die freie Zeiteinteilung, überhaupt nichts für mich waren.
M: Wie für etwa neunzig Prozent der Abiturienten war nach dem Abi auch für mich erstmal klar, dass ich studiere. Wirtschaft war naheliegend, da meine Kumpels und ich auf ein Wirtschaftsgymnasium gingen. Allerdings waren die Inhalte dort noch viel anwendungsbezogener, an der Uni dagegen war alles sehr theorielastig. Ich fing an, mich zu fragen, ob es die Quälerei wert ist. Mein Onkel riet mir zu etwas mit mehr Praxisbezug. Nach einem Praktikum in einer Schreinerei stand mein Entschluss schnell fest.

Wie ging es euch zu dieser Zeit, welche Befürchtungen oder Hoffnungen gingen mit dem Studienabbruch einher?
M: Ich fragte mich natürlich, wie es jetzt weitergehen soll. Erst nach dem Gespräch mit meinem Onkel habe ich überhaupt die Möglichkeit in Erwägung gezogen, mein Studium abzubrechen. Als ich mich dann entschieden hatte, war ich einfach erleichtert und zuversichtlich, dass ich einen Ausbildungsplatz bekomme.
F: Ich hatte größtenteils Angst, meine Familie zu enttäuschen. Denn als ich mit dem Studium angefangen hatte, waren alle sehr stolz auf mich. Ich hatte, glaube ich, Angst, mir dieses Versagen einzugestehen. Was natürlich totaler Quatsch war; denn nur, weil man merkt, dass etwas nicht zu einem passt, ist das ja kein Versagen, sondern eher eine Erfahrung. Als der erste Schock überwunden war, habe ich mich einfach nur darauf gefreut, etwas machen zu können, bei dem ich Spaß habe.

Der Abbruch eines Studiums ist also kein Scheitern?
F: Nein, eine Chance! Ich durfte dadurch lernen, dass wenn sich eine Tür schließt, sich eine neue öffnet.
M: Ich bin nicht gescheitert, ich habe etwas Neues angefangen was mir Spaß macht. Leider verurteilen viele zu Unrecht das Handwerk nach dem Motto: Die haben ja alle nichts in der Birne. Dabei sind viele Akademiker auf Handwerker angewiesen.

Wie hat euer Umfeld darauf reagiert?
M: Mein Vater war erst etwas verärgert, ich hätte unnötig Zeit verschwendet durch das Studium. Mittlerweile ist er aber stolz auf mich. Er hat wohl einfach etwas gebraucht, bis er es realisiert hatte. Meine Kumpels meinten, ich mache das Richtige.
F: Bei mir waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Die meisten Personen, die mir nahestanden, haben natürlich gemerkt, dass es mir mit dem Studium nicht gut ging und mich unterstützt. Wenn ich an die Reaktion meiner Mutter denke, muss ich heute noch schmunzeln. Sie war total panisch. Mittlerweile ist sie jedoch froh, dass ich damals meinen Weg gegangen bin.

Was würdet ihr sagen, woran erkennt man, welcher Beruf am besten zu einem passt?
F: Ich musste es auf die harte Tour lernen, kenne aber auch viele Auszubildende, die von Anfang an wissen: Ein Studium, das wäre nichts für mich. Wer klare Strukturen braucht, kann sich in einer Ausbildung wohler fühlen.
M: Man sollte überlegen, was einem Spaß macht. Wenn man eine grobe Richtung gefunden hat, kann ein Praktikum hilfreich sein. Das bringt viel mehr, als sich nur auf theoretischer Ebene Gedanken zu machen.

Was würdet ihr anderen raten, die ihr Studium abbrechen möchten oder es bereits getan haben?
M: Mit Freunden darüber reden und alle möglichen Beratungsangebote, wie etwa die der Arbeitsagentur, nutzen. Praktika machen und die Anforderungsprofile von Berufen checken.
F: In Ruhe die nächsten Schritte überlegen, nichts überstürzen, dann bin ich mir sicher, dass man seinen Weg gehen wird.

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