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„Die Affen rasen durch den Wald …“

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von Julia Paszczella

In jeder Karriere einer Kellnerin gibt es diesen einen Abend, an dem man sich noch ewig erinnern wird. Bei mir war es wohl letztens soweit. Der Abstieg und Fall eines Menschen durch Alkoholkonsum lässt sich im Laufe eines Abends meist sehr genau dokumentieren, äußerst selten jedoch bekommt der Beobachter die Möglichkeit, einer rückläufigen Entwicklung des gesamten Publikums zurück zum Kindesalter beizuwohnen. Lasst mich euch einen Einblick in meinen Alltag geben: Während um dich herum langsam aber sicher das Chaos ausbricht, hörst du nur ein einziges Lied in deinem Kopf: „Die Affen rasen durch den Wald, der eine macht den andern kalt. Die ganze Affenbande brüllt: Wo ist die Kokosnuss …“ Nostalgische Kindergarten-Erinnerungen. Nur dass ich diesmal die Erzieherin bin. Während ich also versuche meine Gäste zu bedienen, wird an mir gerüttelt und gezerrt, da man etwas bestellen will! Ein zehn Kilo Tablett auf einer Hand balancierend drehe ich mich um und erkläre den Kindern geduldig, dass ich mich gerade unterhalte und nicht unterbrochen werden möchte, ich würde dann gleich zu ihnen kommen. Bierdeckel fliegen mir um die Ohren und verfehlten mich nur um Haaresbreite. „Wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokosnuss …“ Zwei Mädels fangen an auf den Tischen zu tanzen: „Kommt ihr da bitte sofort runter!?“ Kichern.

Zurück an der Bar, um den nächsten Schwung Getränke zu holen, hängt mir ein besoffener Kerl im Ohr: „Du bist ja schon ne süße Maus, warum denn so streng?“ „Ok Paul (Name geändert), setzt du dich bitte? Ich muss hier arbeiten!“. Im Raucherraum sind die Äffchen gerade damit beschäftigt, sämtliche Stühle zu verrücken oder auf den Boden zu legen, so dass keiner mehr durchkommt. „Hallo, die Stühle bleiben da wo sie sind!!“ Kurzerhand schnappe ich mir welche und bringe sie in die Küche, wo ich kurz einen Moment durchatme. „Wo ist die Kokosnuss …“ Während in der einen Ecke des Raums ein Lagerfeuer im Aschenbecher entzündet wird, suchen ein paar Ladys äußerst verwirrt nach der Toilette (die nun wirklich nicht zu übersehen ist), wieder andere stecken sich genüsslich die Zungen in den Hals. „Wo ist die Kokosnuss …“ „Entschullligung“, lallt mir ein weiterer Kandidat ins Ohr, „aber ich glaub in meinem Drink *hicks* isss kein Alkohol drin..“ Seine Augen schauen in zwei verschiedene Richtungen. Ich nehme mir die Freiheit diese Unterstellung zu ignorieren. Ich balanciere leere Gläser zurück zur Bar und rutsche dabei fast auf einer halben Pizza aus, die auf dem Boden liegt. Menschenmassen versperren mir den Weg. Meine CD ist vor Stunden auf: „Sorry, ich muss hier durch!“ hängen geblieben. Eine Frau hängt über dem Tisch und kotzt in ihr Bier. Heilige Scheiße … Inmitten des Schlachtfeldes bleibe ich stehen und fange an zu lächeln, weil mir einfällt: Ich werde diesen Job nicht ewig machen. Ein Bierdeckel fliegt mir ins Gesicht …

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