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Junge Malerei in Deutschland. Drei Museen zeigen beim großen Ausstellungsprojekt Jetzt! wie Künstler*innen unter 40 das traditionelle Tafelbild ins Zeitalter der Digitalisierung bringen.

von Franziska Kremmin

Seit dem 19. September ist künstlerisches Frischfleisch in den Museen Wiesbaden, Bonn und Chemnitz zu sehen. Das Ausstellungsprojekt „ Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ zieht einen Querschnitt durch die gegenwärtige, in Deutschland entstandene Malerei. Nachdem der Giraffensaal geräumt wurde, zeigt der Standort Wiesbaden nun 164 Werke zeitgenössischer Kunst in insgesamt 15 Räumen. Seit der Idee des Gemeinschaftsprojekts wurden über 100 Ateliers besichtigt, um Künstlerpositionen in ganz Deutschland aufzugreifen. Eine Art Bestandsaufnahme: Was kann junge Malerei heute? Es sollten, ohne jegliche Einschränkungen, alle Erscheinungsformen des Mediums dargestellt werden. Einzig der Rückbezug auf das Tafelbild, als klassische Erscheinungsform, bietet der Ausstellung wortwörtlich einen Rahmen.

„Die Bilder dufteten teilweise noch nach frischer Farbe“, freute sich Kurator Dr. Jörg Dauer beim Projektaufbau. Doch in der jungen Malerei, oder auch Gegenwartsmalerei, geht es nicht nur um aktuelle Produktionen aus den letzten Monaten, sondern vielmehr um die Geburtsjahrgänge der Künstler. Keiner von ihnen ist älter als 40, heißt: Kunst geschieht weniger in der Einbettung eines historischen Kontexts. Die Malerei der letzten Jahre wirft einen Blick auf gegenwärtige Situationen und Diskussionen und passiert in einer für die Künstler oft sehr intensiven Lebensphase. Die traditionellen Elemente des Tafelbilds werden zwar weiterhin genutzt, oftmals ist die Leinwand jedoch ein aktiver Teil der medialen Selbstreflexion und wird um expansive Spielarten erweitert. Einige Bilder wachsen regelrecht aus ihrem Rahmen heraus und stellen sich durch angebrachte Objekte oder strukturstarke Materialen besonders in den Vordergrund. Andere Werke spielen mit minimalistischen Inhalten oder Maltechniken und wecken so, ganz unterbewusst, Assoziationen. Große figürliche Portraitmalerei oder Comic-Art in Neonfarben suchen ebenso den Diskurs wie auftauchende Objektkästen, bei denen man sich immer wieder fragt: Ist das Malerei? Und all die Farben überdecken am Ende das wichtigste Medium, die Leinwand. So haben es sich einige der Künstler zur Aufgabe gemacht, die Essenz ihrer Werke herauszuarbeiten (siehe Bild Rheinbote – ohne Titel). Besonders kreative Austeller zeigen wie der auf einen Rahmen gespannte Stoff als Kunstwerk selbst agieren kann. Zu bestaunen gibt es Flurbilder in Kleinformat, abstrakte Zeichnungen in Raumhöhe oder ganze Tapeten im Stil eines Gemäldes. Klassische Stillleben oder Obstschalen sucht man hier vergebens, stattdessen trifft man auf neue künstlerische Impulse, alles unter der Frage der Begrenztheit der flachen Bildträger im Zeitalter der Digitalisierung.

Insgesamt werden in den drei Ausstellungsstandorten rund 500 Werke von 53 Künstler*innen gezeigt. Wem die Anreise nach Bonn oder Chemnitz zu weit ist, der kann ganz einfach eine virtuelle Besichtigung des Projekts machen. Mit einer VR-Brille reist man auf einen Wimpernschlag nach Bonn und kann sich dort interaktiv umsehen und ohne Aufpreis eine zweite oder dritte Ausstellung genießen.

 

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