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Achtung, hier könnte Kunst entstehen

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Aktion, Aktion, Aktion! Für Bernd Schneider ist Kunst weder alleine im Stillen noch starr in der Betrachtung.
Über einen Oldtimer der Szene, der sich gerne über die Schulter blicken lässt.

Bis weit in den März standen sie da und gaben ungefragt ihre hochnäsigen Kommentare ab. Zur Kunst und zum Künstler, dessen Hand sie erschaffen hat: „Würden mehr Leute öfter beide Augen zudrücken, gäbe es mehr Genies …“ Sehr schmeichelhaft. Aber Bernd Schneider dürften Seitenhiebe dieser Art kalt lassen. Besonders lange musste er sie sowieso nicht mehr ertragen: „Nach drei Monaten ist normalerweise Schluss, dann ist ein anderer Künstler dran. Diesmal durfte ich aber ein bisschen länger ausstellen, weil sich niemand gemeldet hat“. Und so waren in der Mainzer Walpodenakademie während unseres Treffens nach wie vor die fünf Ausstellungsbesucher zu sehen, die Schneider in seinem typischen Stil gemalt hat – figurative Pop-Art mit einem Touch Kubismus. Genauso typisch: Die mal frechen, mal tiefgründigen Kommentare, die die meisten seiner Bilder ergänzen. „In dem Fall habe ich mir vorgestellt, was sie wohl sagen würden, wenn sie eine Vernissage von mir besuchen.“ Eine der Figuren scheint ihr Schicksal zu erahnen: „Sind wir nicht alle Objekte, die sich einer ausdenkt?“

Bernd Schneider, Vollblutkünstler aus Leidenschaft, hat sich in seinem Leben schon so einiges ausgedacht. Darunter zahlreiche Kunstaktionen, die dank ihres innovativen Charakters immer wieder für Aufsehen gesorgt haben. Doch bevor es dazu kam, klapperte der gebürtige Braunschweiger und studierte Grafiker die verschiedensten Bereiche der Kunstwelt ab: Als Autor und Mitverleger verschiedener Magazine und der Kurzgeschichten-Sammlung „Zum Teufel“, als Initiator von Theaterstücken sowie als Lithograph für das Boulevard Magazin in Mainz. Letzteres führte ihn ab 1989 näher zur Kunst schaffenden Szene. „Meine ersten Gehversuche hatte ich bei der Aktion ‚Dreimal klingeln‘, die es ja heute noch gibt. Etwa zehn Jahre später durfte ich dann im Eisenturm tatsächlich auch meine erste Einzelausstellung präsentieren.“ Der Beginn einer äußerst kreativen Epoche. Schneider, inzwischen nach Wiesbaden gezogen und nebenbei im Sozialgericht tätig, stellt auf dem Mailartsfestival in Minden aus, im hessischen Justizministerium und im Kunstraum ‚Kunst Schaefer‘ in Darmstadt.

Vor allem aber seine berühmt-berüchtigten Kunstaktionen sind vielen im Gedächtnis geblieben. Ab 2011 war er für mehrere Jahre Stammgast der „Tatorte Kunst“ in Wiesbaden. Einer seiner schönsten Coups: Eine endlos lange Raufasertapete, auf die er etwa alle 1,5 Meter ein neues Bild malte – live und in Farbe. Das ausgerollte Gesamtkunstwerk reichte aus dem Innenhof bis auf die Straße. Interessierte konnten später für läppische zwanzig Euro einen Abschnitt erwerben. Eine besondere Form der aktiven Kunst, die er bereits zur WM 2006 ins Leben rief. Das Motiv in beiden Fällen: Natürlich seine gezeichneten, immer leicht voneinander variierenden Figuren, gepaart mit ein wenig klugem Text im jeweiligen Kontext. Diese bewährte Koexistenz aus Bild und Schrift, „idealerweise groß und plakativ von weitem und kleinteilig und spielerisch je näher man kommt“, war auch 2017 in der Walpodenakademie zu sehen: Für die Aktion „Schneider sitzt … im Schaukasten“ ließ sich der Künstler zu „interaktiven Spontanzeichnungen“ inspirieren, erzeugt durch den bloßen Austausch mit zufällig anwesenden Passanten. Man sieht: Während andere zurückgezogen an ihren Werken arbeiten, sucht Schneider regelrecht den Kontakt zu Schaulustigen.

Seine Figuren, längst sein Markenzeichen, begleiten den heutigen Rentner seit den frühesten Anfängen – zu Zeiten, als mögliche Förderer noch außer Sicht waren: „Wir, also meine damaligen Verlagskollegen und ich, haben unseren Feierabend öfters im Quartier Mayence verbracht. Ich hatte damals kein Geld für ordentliche Pinsel oder Leinwände, also habe ich einfach die Bierdeckel vollgezeichnet:“ Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Heute ist die Galerie „Kunst-Schaefer“ in Wiesbaden größter Unterstützer Schneiders. Sie beherbergt einige seiner schönsten und außergewöhnlichsten Werke. Wer sie einmal unverbindlich betrachten möchte, kann sich auf galerie-wiesbaden.de durchklicken oder einfach vor Ort vorbei schauen. Schneider selbst ist spätestens im September wieder in Darmstadt zu sehen, sollte die Corona-Pandemie bis dahin in den Griff bekommen sein. Und wer weiß schon, wann seine neunmalklugen Mannequins das nächste Mal in der Walpodenakademie zu bestaunen sind.

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