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Der Dackelfresser vom Rhein

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür – Teil 6: Der Waller

von Konstantin Mahlow

Nicht alle Tiere, die ihr Revier vor unserer Haustür beziehen und damit das Kriterium erfüllen, in dieser Kolumne aufzutauchen, sind auch für uns sichtbar. Manche von ihnen bleiben in den trüben Gewässern des Rheins verborgen und tauchen höchstens im Lokalteil der Zeitungen auf, wenn sie als Fang an die Oberfläche gezerrt werden. Doch sie sind da, die Giganten des Rheins. In den Altarmen von Budenheim und Ginsheim genauso wie im Strom zwischen Wiesbaden und Mainz. Mit einer möglichen Länge von drei Metern und einem Gewicht von über 200 Pfund steht der Waller oder Europäische Wels in der Nahrungskette des Flusses ganz weit oben. Mehr noch: Der urzeitliche Fisch ist das mit Abstand größte Wirbeltier innerhalb unserer Stadtgrenzen – und dazu ein gefräßiger Räuber, der sich nicht nur auf pescetarische Nahrung beschränkt.
Zu Gesicht bekommt man den Waller (Silurus glanis) meistens nur, wenn man einem erfolgreichen Angler im richtigen Moment über die Schulter blickt oder ein totes Exemplar angespült wird. Auf der Kasteler Rheinseite wurde erst von ein paar Jahren in unmittelbarer Nähe der Bastion Schönborn ein Waller mit über zwei Meter Körperlänge gefangen – keine Seltenheit am Oberrhein. Die Tiere sind mittlerweile überall im Fluss häufig, Fische um die hundert Pfund sind heute eher der Standard. Das war längst nicht immer so: Waller stammen ursprünglich aus osteuropäischen Großgewässern wie Wolga und Donau und sind zum Teil durch Besatz, zum Teil durch eine natürliche Expansion seit der verbesserten Wasserqualität zu den heimlichen Herrschern des Rheins aufgestiegen. Und das sehr zur Freude der Angler. Sind die noch vor wenigen Jahrzehnten an künstliche Wels-Teiche in Spanien oder an den Po gefahren, um einmal im Leben einen der Riesen zu fangen, lohnt sich die Reise aufgrund der großen Population vor der eigenen Tür heute nicht mehr. Hat sich ein Waller erst einmal angesiedelt, bleibt er auch für eine Weile: Die standorttreuen Tiere können bis zu 100 Jahre alt werden und wachsen bis zu ihrem Tod.
Während der Nahrungssuche sind sie nicht besonders wählerisch. Die nachtaktiven Jäger fressen alles, was in ihren mächtigen Schlund passt. Trotz ihrer Größe stellen sie dabei keine Gefahr für Kinder oder gar Erwachsene dar. Vermeintliche Angriffe in der Vergangenheit beruhen in der Regel auf ein Missverständnis zwischen Fisch und Mensch: Waller lassen sich mit dumpfen Schlägen auf der Wasseroberfläche anlocken, das sogenannte „Wallerklopfen“. Die lichtscheuen Fische verlassen sich bei der Jagd auf ihren Gehör- und Geschmackssinn und nicht etwa wie Hechte auf ihre Sehkraft. Als in vorindustriellen Zeiten die Wäsche noch direkt am Flussufer „geklopft“ wurde, hat das Welse angelockt, die daraufhin den Ursprung des Lärms erkundet haben und dabei relativ nahe an den Menschen gekommen sind – so zumindest die Geschichte. Doch der Homo sapiens ist selbst für die Flussgiganten mit einem Maul von 30 bis 40 Zentimeter Spannweite eine Nummer zu groß. Eine Gewichtsklasse darunter passen allerdings so manche Wirbeltiere in das mögliche Beuteschema, was immer wieder für wilde Spekulationen sorgt.
So gibt es wohl kaum einen Angler, der nicht schon mal von einem „Dackelfresser“ gehört hat. Persönlich lernt man einen Betroffenen dagegen nie kennen, und so sind sich Biologen bis heute nicht ganz sicher, ob die Geschichte von Hundefressenden Welsen ins Reich der Legenden gehört oder nicht. Dafür spricht allerdings, dass schon Bisamratten und sogar ein ganzer Fußball im Magen eines Wallers gefunden wurden. Das entspricht noch nicht ganz einem Dackel, ein Yorkshire Terrier dürfte von der Größe dagegen kein Problem darstellen. Bekannt ist, dass in Seen mit großen Wallern öfter Enten von der Oberfläche ins Wasser „gesaugt“ werden und so unbemerkt verschwinden. Auch werden Tauben und Ratten erbeutet, die arglos am Ufer trinken. Manche Angler schwören daher auf ein rohes halbes Hähnchen als Köder, um an die ganz großen Exemplare ran zukommen. Das alles dürfte aber eher die Ausnahme bleiben, denn die meiste Zeit jagen Welse am Grund des Gewässers nach Fischen, Krebsen und Würmern.
Nach der Laichzeit im August fahren die Waller im Herbst mit abnehmender Wassertemperatur ihre Körperaktivität langsam runter und beißen nur noch selten. Die Chance, ein ausgewachsenes Tier zu sehen, steigt somit erst wieder im April, wenn für die Räuber die Jagdsaison beginnt. Bis dahin sind alle Vierbeiner bis auf Weiteres sicher am Rheinufer.

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