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Stockender Verkehr

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Wiesbaden muss die Innenstadt vom Autoverkehr entlasten, kämpft jedoch gegen Altlasten, Bürgerentscheide und eingerußte Parteien.

Von Tim Porzer

Wiesbaden, Oktober 2020: Im Fokus der Deutschen Umwelthilfe. Zu hohe Stickoxidwerte – mal wieder. 1. November 2020: Bürgerentscheid zur Citybahn. Mit einem Nein abgeschmettert. März 2021, kurz vor der Kommunalwahl: Die Parteien Initiative Pro Auto, AFD, FDP, FW und teils die CDU machen Stimmung gegen die Reduzierung des Autoverkehrs und die neugeschaffenen Umweltspuren. Das Protokoll der vergangenen Monate zeigt, den Wiesbadener Bemühungen zur Verkehrswende geht es wie den Autofahrern im Stadtzentrum, sie geraten ins Stocken.

Historische Altlast
Wiesbaden zählt zu einer der wenigen Städte Deutschlands, deren Straßennetz vierspurig ins Stadtzentrum führt. Ein Zeichen in welchem Maße der automobile Individualverkehr in der hessischen Landeshauptstadt über Jahrzehnte kultiviert wurde. Prof. Dr. Volker Blees, Professor für Verkehrswesen an der Hochschule Rhein Main, spricht in diesem Zusammenhang von einer „historischen Altlast“. Sich davon zu befreien erfordert Zeit. Zugleich relativiert der Verkehrsexperte Vorwürfe, die Stadt agiere zu langsam: „In den letzten Jahren setzt eine deutliche Bewegung ein. Wiesbaden ist hier nicht besonders langsam und nicht besonders schnell.“

Viele Lösungen, wenig Zielgerichtetes
Die Schwierigkeiten im Verkehrswesen skizziert Blees wie folgt: „Es gibt einen ganzen Bauchladen von Lösungen. Es fehlt jedoch eine klare Linie, eine klare Ordnung.“ Dabei ist wichtig, sich vor Augen zu führen, wie Verkehr entsteht. „Verkehr entsteht, wenn etwas verkehrt steht“, erklärt der Hochschulprofessor. Neben der urbanen Gestaltung ist die Pendlerbewegung ein weiterer Faktor. „Ein Mobilitätskonzept kann eine Lösung sein, muss es aber nicht“, betont der Experte und plädiert dafür, an den Grundstrukturen der Mobilitätsanforderungen anzusetzen. Dazu zählen „Strukturen, die der Bevölkerung helfen, physische Mobilität zu vermeiden“, Stichwort Homeoffice. Außerdem sei es notwendig, den Verkehr auf die Verkehrsmittel zu verteilen. Sprich: ÖPNV, Fahrrad, Auto, Fußweg. Entscheidend ist, dass nicht jeder Weg mit dem Auto sinnvoll zurückgelegt ist. Dabei gibt Blees zu bedenken, dass „die Hälfte aller mit dem Auto zurückgelegten Strecken unter drei Kilometer lang“ seien. Fest steht, wird das Auto schlecht genutzt, nimmt es öffentlichen Raum weg.

Aus verkehrspolitischer Sicht reicht es daher nicht aus, lediglich Alternativen zu installieren. „Es geht nur, wenn die Alternativen attraktiv sind und gemeinsam funktionieren“, so der Leitsatz des Verkehrsexperten. Dementsprechend plädiert er für ein angepasstes Mobilitätssystem: „Es geht nicht um einen Verzicht auf das Auto, alle Mobilitätsangebote sollen so genutzt werden, wie es sinnvoll ist und Spaß macht.“

Qualmender Auspuff, erhitzte Gemüter
Die Umweltspuren bewertet Volker Blees als sinnvoll, es gehe darum den Raum besser zu verteilen. Bei der Bewertung fordert er Geduld: „Wie gut das funktioniert ist schwer zu beurteilen, da wir uns seit der Einrichtung nicht in normalem Verkehr bewegen.“ Auch den Entscheid zur Citybahn sieht er kritisch: „Mir fehlt die Fantasie, was nun die kreative Alternative sein soll.“ Am Thema Umweltspuren zeigt sich zugleich die gereizte Stimmung innerhalb der Bevölkerung. Diskussionen über Dieselfahrverbote, Citybahn oder ganz aktuell die Errichtung der Umweltspuren und der geplante Bau eines Fahrradparkhauses am Wiesbadener Hauptbahnhof werden zum Politikum. Die ohnehin kontroverse und komplexe Debatte wird durch unsachliche Beiträge in sozialen Medien weiter verschärft. In unnötiger Weise tragen Parteien wie die Initiative Pro Auto oder das Nachrichtenportal Wiesbadenaktuell.de durch ihre Social-Media-Auftritte zum Verfall einer zielgerichteten Debattenkultur bei.

Volker Blees kritisiert am öffentlichen Diskurs den fehlenden Blick für Zusammenhänge zwischen Verkehr und Mensch: „Es fehlt der Blick dafür, dass Verkehr Sozialverhalten abbildet. Es geht um ein Mindset, wie bewegen wir uns fort.“ Dabei verweist er auf ein in Deutschland seit den 30ern bestehendes Mobilitätsmodell, dass „das eigene Auto als Kulturgut“ verstehe. Außerdem problematisch: „Viele Entscheidungsträger sind mit diesem Konzept aufgewachsen.“ Neben der historischen Altlast verschleppen archaische Mobilitätsvorstellungen die Verkehrswende zusätzlich. Für die Wahl am 14. März, bei der das Thema Mobilität ein entscheidender Aspekt sein dürfte, wünscht sich Blees daher: „Weniger Ideologie und mehr Ehrlichkeit im Umgang mit diesen Themen“ und „klare, nachvollziehbare Begründungen, wenn man etwas will.“

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