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Kultur

Konsequente Fremdkörper

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Seit eineinhalb Jahren ist ein vollgestopftes Studio im Mainzer Postlager ihr Zuhause. Thomas Bittel (31) und Willi Wittbold (25) verbringen so gut wie jede freie Minute in dem kleinen Raum, seitdem die Pandemie die Veranstaltungsorte der Stadt in den Dornröschenschlaf geschickt hat. Angetrieben von der Leidenschaft für elektronische Musik, die sich abseits der platt getretenen Pfade entfalten darf. Jetzt hat das Duo unter dem Namen CVSO ihre erste LP „Garden Scene“ auf dem hauseigenen Label veröffentlicht. STUZ hat den beiden einen Besuch abgestattet.

Interview Konstantin Mahlow

STUZ: Das wichtigste zuerst: Was für Musik macht CVSO?
Tom: Gute Frage. Wir haben letztens gesehen, dass unsere Platte in einem Geschäft unter sechs verschiedenen Stilrichtungen gelistet ist, weil die auch nicht wussten, wohin die uns packen sollen.
Willi: Unter den Sammelbegriff Elektro passen wir am ehesten, denke ich. Obwohl die Elektroplatten, die ich über die Jahre gesammelt habe, ganz anders klingen.

Eure erste Platte „Garden Scene“ ist auf dem Markt und hört sich zumindest nicht so an wie der Elektro, der vor Corona in den Clubs lief. Was macht euren Sound anders?
Tom: Elektro oder Techno wurde lange nur als Tanzmusik wahrgenommen, die auf Partys gespielt wird und für diese eine bestimmte Stimmung da ist. Als musikalischer Ausdruck war uns das einfach zu dünn. Dann haben wir festgestellt, dass man mit Synthesizern ganz andere Sachen machen kann, dass man experimentieren, neue Klänge rausholen kann. Mit Synthesizern sind die besten Techno-Platten bereits produziert – gerade deswegen wollen wir mit ihnen was anderes machen.
Willi: Unsere Arbeitsweise zeichnet sich schon ein bisschen dadurch aus, dass wir viel experimentieren, zweckentfremden und auch immer wieder Dinge verwerfen und von vorne beginnen. Wir arbeiten mit ausgeweiteten harmonischen Systemen, um daraus unsere Melodien zu erzeugen. Mit CVSO wollen wir uns bewusst vom bestehenden Clubkontext abgrenzen.

Was erwartet einem denn außerhalb der Clubs?
Tom: Die Möglichkeit, sich überraschen zu lassen, statt immer nur auf das Einsetzen der Kickdrum zu warten. Wir wollen zeigen, was man mit elektronischen Instrumenten sonst so machen kann.
Willi: Während Corona haben wir gemerkt, dass wir eigentlich nie privat die Musik hören, die in den Clubs gespielt wird. Wir wollen, wie gesagt, elektronische Musik in einen neuen Kontext setzten und weg kommen von der Stagnation der letzten Jahre.

Ihr habt von einer anderen Herangehensweise gesprochen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Tom: Tatsächlich arbeiten wir viel mit kontrollierten Zufällen. Unser Weg zur Musik ist immer ein Versuchsaufbau, es immer experimentell. Jeder Track entsteht anders, weil wir ständig neue Möglichkeiten finden.
Willi: Oft folgen wir einem Impuls, der uns zu etwas anderem bringt, worüber wir dann keine Kontrolle mehr haben. Da spielen vor allem modulare Synthesizer eine große Rolle. Insgesamt verwerfen wir auf diese Weise aber auch sehr viel, weil sich durch neue Impulse immer wieder was verändert.

Ihr wart beide in verschiedenen Projekten und Bands, aber auch solo unterwegs. Wie es zur Gründung von CVSO gekommen?
Willi: Ich habe schon einige Jahre als Willberg in Mainz und Umgebung aufgelegt, war unter anderem Resident DJ und Booker bei der Missing Link in Darmstadt. Den Tom habe ich auf einer Party eines gemeinsamen Freunds im Haus Mainusch kennengelernt. Ich habe auf dem Down Tempo Floor gespielt, Tom währenddessen live im Haus. Ich bin dann nach meinem Set zu ihm hin und habe da die ganzen Synthesizer stehen sehen. Da war ich direkt getriggert (lacht). Danach haben wir uns unterhalten und ein paar Tage später standen wir schon zusammen im Studio.
Tom: Ich habe vor über zwölf Jahren in der Combo „Stern Fucking Zeit“ damit angefangen, elektronische Musik mit dem Gameboy zu programmieren. Später habe ich dann mit der „Arbeitsgruppe Metaphonetik“ und später alleine als „Mint Huus“ gespielt, wie auch auf der Party, auf der wir uns kennengelernt haben. Willi und ich haben uns zwar über den Techno gefunden, wollten aber beide was Neues machen, was über die Grenzen des Genres hinausgeht. Das und unsere Leidenschaft für den Detroit Techno waren die gemeinsamen Nenner.

Ach ja, eine Party, was für schöne Erinnerungen.
Willi: In Zukunft sollte man auf jeden Fall ein Auge auf das Postlager werfen, da wird einiges gehen. Vorher kann man uns am 20.Juni über das Streamingangebot des schon schön sehen, das im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz stattfinden wird.

WTF
Die LP „Garden Scene“ ist auf dem eigenen Label Katalog erschienen. Hörproben unter: soundcloud.com/cvsocvso

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