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Tiere

Der Fremde im Mulch

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 12: Der Nashornkäfer

von Konstantin Mahlow

Für viele Menschen wirkt der diesjährige Sommer mit seinen ständig wiederkehrenden Regenphasen eher wie eine Enttäuschung – für die Natur ist er ein Segen. Wiesen und Hecken sprießen und blühen in fast vergessenen Ausmaßen, wovon besonders Insekten und Vögel profitieren. Die günstige Kombination aus Feuchte und Wärme ist vielleicht auch der Grund, warum in der Mainzer Neustadt plötzlich ein Tier aufgetaucht ist, das die wenigstens bisher zu Gesicht bekommen haben: Der imposante Nashornkäfer. Der bis zu vier Zentimeter lange, glänzend-schwarze Käfer ist nicht nur wegen seiner Größe kaum zu verwechseln. Auf seinem Kopf trägt er ein Horn spazieren, das tatsächlich kaum eine andere Assoziation zulässt als die des afrikanischen Großsäugers, von dem er sich den Namen geliehen hat. Aber woher kommen die Nashornkäfer?

Eigentlich sind die Käfer schwer zu entdecken. Sie sind vornehmlich in der Dämmerung und nachts aktiv und ortsweise sehr selten. In der Neustadt wurden ausgewachsene Exemplare in den Anlagen am Rheinufer entdeckt, wo sie sichtlich geschwächt und vermutlich kurz vor dem Ableben mitten auf den Wegen umherkrabbelten. Tatsächlich findet der Großteil ihres Lebens als Larve unter der Oberfläche statt – was die adulten Tiere außer der Fortpflanzung so treiben, ist kaum bekannt. Selbst die Frage, was und ob sie überhaupt als erwachsene Käfer etwas fressen, ist unter Biologen noch nicht ganz geklärt. Nur die Kämpfe der Männchen um die Weibchen, die sie Nashorn-ähnlich mit ihren Hörnern austragen, wurden schon oft mit der Kamera dokumentiert. Die regelmäßigen Sichtungen der vergangenen Wochen lassen zumindest vermuten, dass es eine stabile Population in der Neustadt gibt, die genug fortpflanzungsfähige Nachkommen produziert. Und so sorgt der Nashornkäfer für eine doppelte Premiere in dieser Kolumne: Er ist das erste Insekt und dazu die erste Art, über die nur aufgrund aktuellster Beobachtungen berichtet wird, da ihre Existenz zuvor nicht bekannt war.

Doch um herauszufinden, woher sie kommen und warum sie ausgerechnet am Neustädter Rheinufer so zahlreich auftauchen, muss man detektivisch vorgehen und einen Blick in ihre Vergangenheit werfen. Am besten knappe 2000 Jahre zurück, bevor der Mensch aus Mitteleuropa eine Agrarwüste gemacht hat. Damals lebten die Larven vieler Käferarten in sogenanntem Holz-Mulm, der im Inneren abgestorbener Baumstämme zu finden ist. In den damaligen Urwäldern war dieser Lebensraum reichlich vorhanden, verschwand dann aber mit der zunehmenden Abholzung und Umgestaltung der Wälder in wirtschaftliche Forstbetriebe. Viele Käferarten überlebten diese Entwicklung nur in den verbliebenen Naturwäldern und gelten heute als „Urwaldrelikte“, die vom Aussterben bedroht sind. Der Nashornkäfer aber schaffte den evolutionären Sprung in Richtung Mensch und wurde – wie all die Arten, die vor ihm hier vorgestellt wurden – zum Kulturfolger.

Anstelle des seltenen Holz-Mulms fanden die Käfer andere Möglichkeiten, ihren Larven einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Zum einen in Komposthaufen, zum anderen in menschengemachten Substraten wie Sägemehl und Rindenmulch. Letzteres wird seit Jahren in der Neustadt verwendet, um die Böden in den Grünanlagen vor dem Austrocknen zu schützen und Unkraut zu vermeiden. Hier birgt sich also des Rätsels Lösung: Das Grünamt in Mainz hat freundlicherweise dem Nashornkäfer eine Kinderstube geschaffen, die dieser dankend angenommen hat. Und seine Larven sind nicht nur für einen kurzen Abstecher da. Bis zu fünf Jahre dauert ihre sich über drei Phasen ziehende Entwicklung. Eine lange Zeit, in der sie sich von totem Pflanzenmaterial ernähren und so zu deren Zersetzung beitragen. Bis sie ihr rätselhaftes Leben als erwachsene Käfer beginnen.
Nashornkäfer sind übrigens ungefährlich und dazu streng geschützt. Ihre Larven können aber allein durch ihre Proportionen für Schreikrämpfe sorgen: Fingerdick und bis zu zehn Zentimeter lang werden sie. Auch das extrem laute Brummen der adulten Käfer, das man gelegentlich nachts hört, kann einschüchternd wirken. Doch die harmlosen Hornträger sind in erste Linie eine Bereicherung für die städtische Natur, die uns hoffentlich noch lange erhalten bleibt. Also bitte nicht drauftreten!

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