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Mainz

Zu Besuch in Gonsenheim

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Corona zum Trotz entschied sich Annabelle Krukow für den Weg in die Selbstständigkeit und eröffnete Anfang August einen Friseursalon in Gonsenheim. Der ist allerdings kein gewöhnlicher Salon: Mit AK & Freunde verbindet die Mainzerin das Friseurhandwerk mit Kunst und Kultur.

von Jonas Julino

Ein Besuch in Annabelle Krukows Friseursalon gleicht vielmehr dem Besuch bei einer Freundin als in einem klassischen Friseursalon. Es wird geklingelt, die Tür wird geöffnet und anstelle eines Empfangs- und Wartebereichs, finden sich Kund*innen in einer Altbauwohnung wieder. So wirkt der Friseurtermin wie eine Verabredung mit der Friseurmeisterin: „Hier gibt es kein schnelles rein und raus, wie in anderen Salons“, sagt sie und ergänzt: „Die Kunden werden an der Tür begrüßt und später bringe ich sie wieder zur Tür und verabschiede sie. So wie man es mit Freunden macht.“
Dass sich die Mainzerin für die Selbstständigkeit entschied und einen Friseursalon eröffnete, hat viel mit Corona tun, aber auch mit ihrem bisherigen Lebenslauf. Nach ihrem Abitur entschied sich Krukow entgegen der gängigen Praxis für eine handwerkliche Ausbildung und gegen ein Studium. Für ihre Entscheidung zu einer Friseurlehre, musste sie sich stellenweise rechtfertigen. „Eine Lehre war natürlich gegen die gesellschaftlichen Normen. Nach dem Abitur geht man studieren und macht keine Ausbildung. Da musste ich mich häufig erklären.“ Leider, wie sie sagt, würde Ausbildungen nicht die Wertschätzung entgegengebracht, die sie verdienten.
Letztlich zog es sie dann doch noch an die Universität und die begeisterte Literaturliebhaberin studierte Theaterwissenschaften und Germanistik im Bachelor. „Es ist völlig okay, verschiedene Wege einzuschlagen und unterschiedliche Dinge auszuprobieren“, sagt Krukow heute.

Friseurhandwerk trifft Kunst und Kultur
Neben ihrem Bachelorstudium jobbte die gebürtige Mainzerin als Kostümassistentin und Ankleiderin an den Staatstheatern in Mainz und Wiesbaden. Nach dem Studium und auf der Suche nach einem festen Job im Theaterbereich, zog es sie nach Basel. Doch dann kam Corona, die Theaterhäuser mussten schließen und an Jobs, geschweige denn an eine Festanstellung, war in der ohnehin schon angespannten Kulturbranche nicht mehr zu denken.
Also ging Krukow back to the roots. Denn so ganz losgelassen hat sie das Friseurhandwerk trotz Studium nie. „Also entschied ich mich während der Coronazeit für den Meisterkurs in Vollzeit“, berichtet sie. Nur vier Monate später war sie dann offiziell Friseurmeisterin, nutzte die neu gewonnene Möglichkeit, sich selbständig machen zu dürfen, und eröffnete Anfang August den Salon in der Gonsenheimer Kirchgasse.
Dort verbindet Krukow das Friseurhandwerk mit Kunst und Kultur. So sind Bücher verschiedener lokaler Autor*innen ausgestellt und bedruckte Postkarten werden verkauft. Auch der Aspekt Umwelt steht im Fokus. Krukow versucht, wo es geht, Plastik zu sparen und verwendet tierversuchsfreie Produkte aus recycelten Materialien. Wie wichtig ihr die Literatur ist, zeigt sich in der Person von Johann Wolfgang von Goethe: Krukow ist selbst Goethe-Fan und hat Jutebeutel mit dessen Konterfei gestaltet, an der Wand prangt ein großes Bild, auf dem Faust I und II in Fließtext geschrieben steht.

Literatur statt Regenbogenpresse
Das mache sich auch in den Gesprächen mit den Kund*innen bemerkbar, so Krukow: „Viele Gespräche drehen sich beispielsweise um Goethe oder Kunst und Literatur im Allgemeinen.“ Auch die für viele Friseursalons übliche Regenbogenpresse sucht man bei AK & Freunde vergeblich.
Diese Besonderheit soll sich auch im Umgang mit den Kund*innen widerspiegeln. „Ich möchte die Menschen inspirieren. Viele suchen sich draußen, vergleichen sich mit anderen und vergessen dabei manchmal, dass sie selbst schön sind. Menschen sollten sich nicht einer Vorlage anpassen, die sie irgendwo gesehen haben“, so Krukow. So ist auch der Friseursalon nicht die Kopie einer beliebigen Vorlage, sondern vermittelt Offenheit und Individualität. Dazu gehört auch das persönliche Verabschieden an der Tür – wie eben nach dem Besuch bei einer Freundin.

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