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Der Problemvogel

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 13: Die Nilgans

von Konstantin Mahlow

Seit einigen Jahren werden die Gewässer im STUZ-Gebiet von einer fremden Tierart bevölkert, die sich erst nach und nach als wahre Plage entpuppt hat: Die aus Zentral- und Südafrika stammende Nilgans. Schrieb die Allgemeine Zeitung noch im Juli 2018, dass die Vögel „in Mainz bisher kein großes Problem“ seien und sowieso nur der damals noch nicht als Wohnquartier umgebaute Zollhafen betroffen sei, sah man das zur selben Zeit auf der anderen Rheinseite schon anders: „Nilgans wird zur Plage – ihr Kot verschmutzt Freibäder“, berichtete der Wiesbadener Kurier. Zwei Jahre später hatte sich der Wind endgültig gedreht. Die Süddeutsche Zeitung schrieb mit Verweis auf Rheinland-Pfalz: „Immer mehr Nilgänse machen Kommunen zu schaffen“, und die bis dato Nilgansfreundliche AZ lieferte die Schlagzeile „Nilgans-Familie bremst Verkehr in der Mainzer Oberstadt“, garniert mit dem atemberaubenden Untertitel: „Eine aufregende Verfolgungsjagd hat sich am Samstagnachmittag eine elfköpfige Nilgansfamilie mit Polizei und Feuerwehr geliefert.“

Immer mehr Probleme
Vom geduldeten Exoten zum Schrecken der Schwimmbadbesucher und Autofahrer, und das in kürzester Zeit – wie konnte das geschehen? Die Nilgans, die sich am Rheinufer zuweilen aus der Hand füttern lässt und ihre Scheu vor Menschen und selbst vor Hunden immer weiter reduziert, hat sich leider zum absoluten Problemvogel entwickelt. Sie gilt als Neozoon, also eine nicht-heimische Tierart, dich sich mit Hilfe des Menschen in einem neuen Lebensraum etablieren konnte und nun diesen auf unterschiedliche Art beeinflusst. Das gleiche trifft auf den hier bereits vorgestellten Halsbandsittich (Ausgabe 239, September 2020) zu, allerdings mit einem kleinen Unterschied: Biologen haben festgestellt, dass die Sittiche in ihrer aktuellen Populationsgröße keine Gefahr für die heimischen Ökosysteme darstellen. Bei der Nilgans ist man sich da nicht so sicher. Hinzukommt, dass offensichtlich nicht nur die Natur unter ihrer Anwesenheit leidet.

Aggressive Nachbarn
Tatsächlich sorgen Nilgänse für reichlich Ärger. Zum einen zeigen sie während der Brutzeit ein ausgeprägtes Aggressionsverhalten, was immer wieder zu Attacken auf andere heimische Wasservögel, insbesondere Stockenten, führt. Diese könnten mit der Zeit aus dem gemeinsamen Lebensraum vertrieben werden. Seit 2017 zählen Nilgänse deshalb nach EU-Verordnung zu den „invasiven, gebietsfremden Arten von unionsweiter Bedeutung“. Empfohlen werden wirksame Managementmaßnahmen, um die Population im Griff zu behalten, darunter auch gezielte Tötung. In Wiesbaden wurde dafür schon ein Falkner eingesetzt, der seinen Steinadler auf die Gänse losließ. Im Mainzer Zollhafen versuchte man die Tiere mit vom Tonband abgespielten Gänsefluchtschreien, ausgestopften Füchsen und speziellen Lichteffekten zu vertreiben – mit wechselndem Erfolg.
Zum anderen reizen Nilgänse auch dort die Gemüter, wo sie für die heimische Tierwelt keine Gefahr darstellen. Etwa in Schwimmbädern, auf Sportplätzen und Liegewiesen. Der unschöne Grund: Unfassbare zwei Kilo Kot scheidet eine Gans im Schnitt täglich aus. In Frankfurt will das Gesundheitsamt festgestellt haben, dass der herumliegende Kot eine ernste Gefahr besonders für Kleinkinder darstellen kann, von der optischen wie olfaktorischen Belästigung mal abgesehen. Ornithologen geben zumindest in der Hinsicht Entwarnung, da der Kot nur „gut durchgekaut“ wirklich zum Gesundheitsrisiko werden kann (wovon man also absehen sollte). Darüber hinaus können die grasfressenden Gänse selbst Menschen gegenüber aggressiv werden, wenn sie einen Uferabschnitt zu ihrem Revier ernannt haben. Dass die Vögel außerhalb ihrer Brutzeit auch friedliche Gesellen sein können, die zwischen den Liegedecken hin und her watscheln und nach Futter betteln, kann darüber hinwegtäuschen.

Wachsende Population
Wie sich die Situation in Zukunft entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Bis zu acht Küken auf einmal ziehen die Eltern groß und sorgen so für eine stetig wachsende Population entlang des Rheins, Mains und der Mosel. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass die Nilgänse am wenigsten dafürkönnen. Im 19. Jahrhundert wurden die Tiere in Europa als Ziergeflügel gehalten, bald darauf wurden die ersten freilebenden Brutpaare in Großbritannien beobachtet. Von dort aus breiteten sie sich entlang der Flüsse über Mitteleuropa aus. Ob sie das auch in Zukunft noch tun, hängt von der Toleranz des Menschen ab.

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