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Tiere

Rückkehr ins Ried

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Tür, Teil 18: Der Weißstorch.

von Konstantin Mahlow

Der Verkehr in der Mainzer Rheinallee kommt kurz vor dem Mombacher Kreisel nur stockend voran, immerhin ist für Ablenkung gesorgt: Auf den Laternen haben ein knappes Dutzend Störche Platz genommen und starren von oben herab auf die genervten LKW-Fahrer. Die schauen ab und zu zurück, einer macht sogar ein Foto, bevor die Blechlawine wieder ins Rollen kommt. Rastende Weißstörche mitten im Smog der großen Straße – im Mainzer Industriegebiet ist das keine Seltenheit mehr. Dabei waren sie bis vor ein paar Jahrzehnten aus den Auen des Inselrheins praktisch verschwunden. Die Rückkehr der mythenumwobenen Vögel ist ein eindeutiges Zeichen, dass es entlang des Oberrheins noch intakte Ökosysteme gibt und sich Naturschutz auf Dauer lohnt.

Vom Rhein bis Afrika

Trotz seiner langen Abwesenheit kennt den Weißstorch (Ciconia ciconia) hierzulande jedes Kind. Am Rhein ist er mit seiner typischen Gestalt – roter Schnabel, rote Beine und schwarze Schwungfedern – mit keiner anderen Vogelart zu verwechseln. Höchstens mit dem schneeweißen Silberreiher (siehe Ausgabe 252: Januar), allerdings besitzt dieser einen gelben Schnabel und trägt keine dunklen Federn. Störche sind bekannte Zugvögel, die mit einer Spannweite von über zwei Metern durch die Lüfte gleiten und bis zu 10.000 Kilometer zurücklegen können. Ihre klassischen Überwinterungsquartiere liegen in Afrika südlich der Sahara und in Indien. In Mitteleuropa sind sie Brutvögel in geeigneten Lebensräumen, doch bleiben in Folge des Klimawandels immer mehr Störche über den Winter hier. In den Rheinauen und auf den angrenzenden Wiesen finden sie ihre Beute, die längst nicht nur aus Fröschen besteht: Regenwürmer, Insekten, Kleinsäuger, Reptilien, Amphibien, Nestlinge und sogar Aas – gefressen wird, was in den langen Hals passt.

Zurück im STUZ-Gebiet

Störche singen nicht, sie klappern mit dem Schnabel – zur Begrüßung der Partnerin, als Balzritual oder im Konflikt mit Nestkonkurrenten. Einst konnte man seine charakteristischen Laute in jedem Dorf hören, bis die Bestände in der Nachkriegszeit vielerorts zusammenbrachen. Verantwortlich war dafür vor allem die fortschreitende Industrialisierung, die Trockenlegung von Feuchtgebieten und die Umwandlung von Wiesen in Ackerland. Auch dank diverser Auswilderungen leben heute deutschlandweit wieder 7.000 Brutpaare, im STUZ-Gebiet sind es 400. Ein überregional wichtiger Hotspot ist das Feuchtgebiet am Schiersteiner Hafen, das von der Storchengemeinschaft Wiesbaden-Schierstein e. V. betreut wird. Lange Zeit hatten Mainzer und Wiesbadener Bürger nur hier die Chance, die grazilen Vögel und ihre wagenradgroßen Nester zu bewundern. Heute existieren mehrere Kolonien entlang des Stroms.

Ausbrüten vor der Kamera

Eine davon befindet sich im Laubenheimer Ried. Das Naturschutzgebiet zwischen Laubenheim und Bodenheim genießt als FFH-Raum (Flora-Fauna-Habitat) höchsten EU-Schutz und besitzt eine herausragende Stellung in der Region. Auf den Strommasten im Ried brüten seit 1997 Störche. Waren es zu Beginn nur zwei Paare, stieg die Zahl bis 2021 auf 19 an. Eine positive Entwicklung, die die Wiederbesiedlung des Oberrheins durch die Weißstörche in den letzten 20 Jahren klar dokumentiert. Jetzt im März werkeln die Paare an ihren Horsten und können leicht bei einem Spaziergang beobachtet werden. Die im April beginnende Brut konnte man in den vergangenen Jahren auf der YouTube-Seite der Mainzer Stadtwerke entspannt von zuhause aus via Live-Cam beobachten – womöglich auch in dieser Saison. Aber Vorsicht: Unter Umständen wird man Zeuge der grausamen Natur. Herrscht Nahrungsmangel, kann es bei Störchen zu Infantizid, dem absichtlichen Töten von Küken, kommen – etwa durch das Rausschmeißen aus dem Nest. Zum Glück scheint es im Ried bisher genug Futter zu geben.

Auf den Spuren der Sagen

Ob diese unschöne Angewohnheit etwas mit der Sage zu tun hat, dass der Storch von oben herab die Säuglinge überbringt (und sie in den meisten Darstellung fallen lässt)? Populär wurde diese Vorstellung durch den dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen. Darüber hinaus existiert eine ganze Reihe von Mythen und Märchen, die sich regional unterscheiden: Im Elsass überlässt der Storch nur dem Haushalt das Baby, in dem auch elsässisch gesprochen wird. Im Norden gelten sie als Glücksbringer und Boten des Sommers. Und in Thüringen versteckt nicht der Osterhase, sondern der Storch die Eier im Busch. Am Oberrhein dürften die meisten Menschen einfach froh sein, dass er wieder da ist. Völlig egal, ob man dabei im Stau steht oder nicht.

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