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Kultur

Durchtränkt von der Traumasuppe

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Zwischen Genregrenzen und medialen Referenzpunkten wabert der eigenwillige Sound von Sheebaba. Sie blicken zurück auf ihre Entstehung, Selbstfindung und erste Veröffentlichung.

von Roman Widera

Soaked in a bowl of trauma soup“, wiederholen Sheebaba wie einen Marschruf auf dem ersten Track ihrer EP „bruit“. Ob traumatisch oder nicht, die Musik der Mainzer Band scheint in eine komplexe Lauge aus Einflüssen und Bezügen getaucht zu werden, ehe sie ihren Weg in die Streams und Clubs findet. Wie sich das musikalisch und visuell in den Songs ausprägt, erzählen das Duo Julien Hübsch und Nina Bodry, als wir uns zum Gespräch in der Kunsthochschule treffen.

Es ist ein Gemisch, für dessen Zusammenbrauen sich die beiden Zeit nehmen konnten – gezwungenermaßen. Als vage Idee begonnen, initiierte eine Ausstellungseröffnung den spontanen Start des Projektes gegen Ende 2019. „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir eigentlich nur den Namen und vielleicht 1-2 Songs“, sagt Hübsch rückblickend. Die Pandemie war dann „ein blessing in disguise“. Der erste Auftritt war für den März angesetzt, einer der letzten vor dem Einfrieren der Konzertszene. Die folgenden Monate ließen ein Feilen und Finden zu, ein Konkretisieren des Projektes. „Wir konnten dann erstmal herausfinden, wie wir musikalisch zueinander und zum Projekt stehen“, erzählt Bodry – Demos wurden aufgenommen, erste Songs veröffentlicht, im Spätsommer 2021 folgte das erste Konzert. Ein zweiter Startschuss, der bis jetzt nachhallt.

Der Sound von Sheebaba hat ein gewaltiges Gerüst im Rücken. Sie zu kategorisieren ist schwierig, vielleicht auch gar nicht förderlich – ihre Klangwände bewegen sich zwischen und an den Außenkanten verschiedener Genres der 70er und 80er. Von Post-Punk, Noise und Art Rock rüber zu den zahlreichen „Wellen“, die sich musikalisch durch die Jahrzehnte gebrochen haben: New, Dark, Cold, No Wave. Darüber sind sie sich bewusst: Alles spielt eine Rolle, nichts ist Bürde, sondern Potenzial. Anstelle eines „Wir machen Musik wie“ funktioniert das Spiel mit Bezügen „wie ein Herausziehen von präzisen Elementen“, beschreibt Hübsch. Die Musik bleibt darin fluide und experimentierfreudig. Zwar definiert sich die Ausrichtung des Projekts zunehmend konkreter aus, anzukommen bei einer passgenauen Stilbezeichnung sei aber nicht das Ziel. „Uns ist wichtig, nicht die zweite, dritte, oder vierte Version von etwas zu sein, das es schon gibt, sondern im besten Fall die erste Version von etwas, das es noch nicht gibt.“ Dass Zuhörer:innen auf sie zukommen und dabei je nach Alter sehr verschiedene Bezugspunkte aufwerfen, freut die Band jedoch. Mit Bauhaus oder Sonic Youth, aber auch aktuellen Bands wie Boy Harsher oder Drahla assoziiert zu werden, verstehen sie als Kompliment. Dass die Musik dabei generationsübergreifend Anklang findet, trotz ihres experimentellen und manchmal widerspenstigen Klangs, ist eine der schönen Erkenntnisse, die sie über solche Vergleichsmomente sammeln.

Im Wechsel vom Studio auf die Bühne werden Sound und Bandästhetik expandiert. Liegt bei den aufgenommenen Songs der Fokus auf einer starken Konzentration und Reduktion, erweitern Hübsch und Bodry die Lieder für ihre Liveauftritte teils beträchtlich. „greyer“ etwa, der auf der EP mit unter drei Minuten auskommt, wächst performed zur dreifachen Länge an. Ergänzt wird das Befreien aus der Songstruktur durch ein ausgeprägtes visuelles Programm. Stehen Sheebaba auf der Bühne, kleiden sie meist dieselben Outfits – ein weißer Kittel für Hübsch, ein schwarzer Overall für Bodry. Dazu tragen sie rohe Ketten um die Hälse und weiße Farbtupfer auf ihren Jochbeinen – sie sehen aus wie ein Negativ zu den pechschwarzen Augenhöhlen der Akteur:innen des expressionistischen und frühen surrealistischen Kinos, wo harte Oberlichter dunkle Schatte in die Gesichtern werfen und sie schädelartig anmuten lassen. Das Bewegtbild, egal ob fantastisches Kino, Experimentalfilme oder deutsches Autorenkino der 70er Jahre, nimmt maßgeblichen Einfluss auf das Duo, dient hier als visuelle oder thematische Inspiration, dort als direktes Zitat.

Doch wie bei den meisten Einflüssen, von denen die beiden möglichst viele an sich heran und dann in ihre Songs lassen, geschieht die Auswahl instinktiv und ohne vorgefestigten Plan. Vielleicht ist auch das eine Folge des erwähnten Durchtränkt-seins. Ein ganzer Kosmos aus Popkultur, Musikströmungen und künstlerischen Prägungen war schon in Sheebaba eingesickert, noch bevor die Band sich zusammenfand. Klatschnass von all diesen Einflüssen, ohne Hierarchien gelten zu lassen, kann der Zugang vielleicht nur unter genau dem Gesichtspunkt passieren, um den das Gespräch immer wieder kreist: Intuition – das Element des inspirierten Zufalls, das alles zusammenhält. Wie sich solche Intuition äußert, zu welchen Klängen und Assoziationen sie führen mag, lässt sich auf der EP „bruit“ nachhören, die im Mai beim Mainzer Label „Katalog“ erschienen ist.

Foto: Greta Fay

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