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Wiesbaden

Was will raus?

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Rosa Loys Ausstellung „Flaneurin“ im Frauenmuseum Wiesbaden setzt sich mit Weiblichkeit, Traumwelten und den darin schlummernden Naturgewalten auseinander.

von Marc Peschke

Männer dürfen aufatmen. So schlimm wird sie nicht, die Gleichberechtigung, wenn sie denn mal kommt. „Gleichberechtigung heißt nicht, Männer zu diskriminieren“, sagt die Künstlerin Rosa Loy, die man gemeinhin der Neuen Leipziger Schule zurechnet.

Auch wenn das, was Rosa Loy als Künstlerin erschafft, sich gängigen Kategorien von Schulen und Traditionen eher entzieht. Sie ist eine Künstlerin, der man nachsagt, sie hole „das Weibliche“ auf die Leinwand. Doch was ist das, „das Weibliche“? Gab es das jemals? Gibt es das heute? In Zeiten, in denen ständig über die Durchlässigkeit von Geschlechtern, von Hybridität gesprochen wird?

Die Flaneurin

Auch solche Fragen stellen wir uns beim Betrachten der Ausstellung im Wiesbadener Frauenmuseum. „Flaneurin“ heißt die Schau, die bis zum 11. Dezember zu sehen ist. 1976 schon konstatierte Peter Handke in seinem gleichnamigen Gedicht ein „Ende des Flanierens“, doch zum Glück ist es nicht so gekommen: Stattdessen erleben wir in diesen Bildern ein besonderes Staunen. Ein Staunen über Augenblicke, das Staunen über die Vielfalt von Welt und Welten. Es sind vieldeutige, märchenhafte Bilder. Die Kunst der Surrealisten und Surrealistinnen hat deutliche Spuren in diesem Werk hinterlassen. „Patriarchalische Strukturen“ möchte Loy mit ihren Frauenfiguren aushebeln, sagt die ehemalige Gartenbau-Ingenieurin, die immer wieder Natur-Metaphern benutzt, um ihr Werk zu beschreiben. „Es gibt in der Natur über Jahrzehnte schlummernde Dinge und dann plötzlich explodieren sie“, sagt sie. „Und ich grabe ja auch in mir, schaue, was keimt, was will raus.“

Das Unheimliche

Das Unheimliche ist immer präsent in ihren Bildern: Loy liebt es, den Betrachter ihrer Arbeiten mit existenziellen Fragen des Menschseins zu konfrontieren, mit Urängsten und Träumen, mit dem Unbewussten, mit Fragen nach Leben und Tod. Die surrealistische Kunst, die sich mit Visualisierung von Träumen befasst hat, leuchtet immer wieder als Vorbild auf. Doch Loy, 1958 in Zwickau geboren, die nach ihrem Gartenbau- Studium an der HGB in Leipzig Kunst studiert hat, sucht Veränderung nicht nur auf dem Feld der Malerei, sondern auch ganz praktisch, als Aktivistin: Sie initiierte das „MalerinnenNetzWerk Berlin-Leipzig“ mit, eine Produzentengalerie.

Das Traumversunkene

Doch betrachten wir noch einmal ihre Bilder, die in ihrem Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei entstehen: Es ist eine ganz eigene Bildwelt, die hier aufscheint: Vor allem die Landschaften geben Rätsel auf, in die Loy ihre Frauen und Fantasiefiguren stellt. Oft ist die Natur die Quelle der Inspiration: Die Welt der Pflanzen und die Weiblichkeit gehen eine fantastische Verbindung ein, deren Nähe auch zur Kunst der Romantik Betrachter und Betrachterinnen gleichermaßen fasziniert wie auch abstößt.

Der metaphysische, romantische Zug dieser stets mit schnelltrocknender Kaseinfarbe entstehenden Kunst, das Traumversunkene, verweist auf eine andere Welt, in der Frauen zumeist glücklich und selbstbestimmt den Dingen nachgehen, die sie befriedigen – wie etwa zwei Imkerinnen auf dem Gemälde „Imkerwinter“. Männer brauchen sie augenscheinlich nicht – ihre Welt ist weiblich.

Romantischer Feminismus

Zu begreifen ist dieser romantische Feminismus wohl auch in der Biografie der Künstlerin. Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Karin Pernegger hat den Einfluss von Christa Wolfs Buch „Kassandra“ auf das Werk von Loy beschrieben – einen Klassiker feministischer Literatur aus der DDR, in dem die 2011 verstorbene Autorin die mythologische Figur auf faszinierende Weise in die Gegenwart bringt und eine neue, vielgestaltige, auch weibliche Sicht auf den Mythos bietet.

Wie gegenwärtig diese feministische Kunst ist, wie aus der Zeit gefallen, wie aktuell oder aus postfeministischer Sicht überkommen – auch darüber lässt sich bei einem Rundgang durch die Ausstellung reflektieren, die auch einige Zeichnungen und Aquarelle zeigt. Das Museum lädt zu verschiedenen Führungen ein, die einen konzentrierten Blick auf ein ambivalentes, spannendes Werk ermöglichen, in dem ganz offensichtlich sehr besondere Lebenserfahrungen konserviert sind.


WTF

Frauenmuseum Wiesbaden
Rosa Loy – Flaneurin
Bis 11. Dezember 2022
Wörthstraße 5, 65185 Wiesbaden
Mi, Do, Sa, So 12 bis 17 Uhr

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