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Das Verschwinden der Rammler

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 38: Das Wildkaninchen

von Konstantin Mahlow

Eigentlich haben sie sich als der Inbegriff einer Plage in unseren Köpfen eingebrannt: Fröhlich vor sich hin hoppelnde Kaninchen, so niedlich wie nervig, die zu hunderten irgendein australisches Grünkohlfeld leer knappern. Dort, wo die Tiere relativ frisch als jagdbares Wild eingeführt wurden und in ihrem neuen Zuhause perfekte Bedingungen vorfanden, mag das mancherorts bis heute so sein. Aber im stetig mehr zersiedelten und mit Glyphosat vergifteten Mitteleuropa schafft es der Mensch selbst eine Art an den Rand des Aussterbens zu bringen, die früher auf jeder Brachfläche zu sehen war.

Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) stammen ursprünglich von der Iberischen Halbinsel und Nordafrika. Dennoch werden sie selten als Neozoen, also gebietsfremde Art, eingestuft. Das liegt vielleicht auch an der etwas peniblen Begrenzung des Begriffs auf Spezien, die erst ab 1492 „unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in ein ihnen zuvor nicht zugängliches Faunengebiet gelangt sind“ (EU-Verordnung). In diesem Sinne hat das Wildkaninchen ganz schön Glück gehabt, da erste urkundliche Erwähnungen bereits in das Jahr 1149 zurück gehen. Damals hatte das Benediktiner Kloster Corvey bei Höxter die ersten Karnickel aus Frankeich nach Deutschland gebracht. So richtig ging es dann im 19. Jahrhundert mit ihrer Verbreitung los, als sie zu Jagdzwecken flächendeckend eingeführt wurden und sich schnell etablierten. Bis in die 90er Jahren waren Kaninchen überall häufig und selbst in innenstädtischen Parks und Gärten, auf Schwimmbadwiesen oder Spielplätzen zu finden.

Das hat sich inzwischen massiv zu Ungunsten der pelzigen Nager geändert. An vielen Kaninchen- Spots im STUZ-Gebiet, die in der Bevölkerung jahrzehntelang als solche bekannt und teils auch beliebt waren, sind kaum oder gar keine Wildkaninchen mehr zu sehen. Etwa auf der Alten Ziegelei, der Maaraue, auf dem Campus der Johanes Gutenberg-Universität oder in den Grünanlagen der Mainzer Oberstadt. Einzelne Beobachtungen aus den letzten Monaten kamen noch aus dem Volkspark sowie dem Kasteler Rheinufer und den brach liegenden Flächen am Ortsbahnhof. Da (Stand jetzt) niemand wirklich Lust auf ein großangelegtes Wildkaninchen-Monotoring hat, sind die genauen Populationsgrößen und vor allem deren Stabilität nicht wirklich bekannt. Klar ist nur, dass es immer weniger werden – nur warum?

Die Gründe liegen neben dem sicheren Tipp „Mensch“ – genauer: der von der EU geförderten intensiven Landwirtschaft – in verschiedenen Erkrankungen. Eine ist die durch Pockenerreger ausgelöste Viruserkrankung Myxomatose, die seit einigen Jahren wieder stark wütet und eine Sterblichkeitsrate von 60 Prozent mit sich zieht. Noch schlimmer ist die sogenannte Chinaseuche (RHD, Rabbit hemorrhagic disease), die hundert Prozent der befallenen Tiere tötet und in Europa immer häufiger auftritt. Sie stammt wohl aus Australien, wo Kaninchen sich zu einer schon praktisch legendären Plage entwickelt haben, von der fast jeder schon mal gehört hat. Das Virus, das die Chinaseuche auslöst, wurde absichtlich verbreitet – wie es bereits hunderte Jahre zuvor ein französischer Biologe war, der den Erregerstamm unter wilden Kaninchen verbreitete, die zur Myxomatose führen. Am Ende ist es also doch alleine der Mensch, der für das Verschwinden der Rammler die Verantwortung trägt.

Doch in seinem Spitznamen steckt auch die Hoffnung für die Zukunft. Der Zyklus weiblicher Wildkaninchen ist, vorsichtig ausgedrückt, anders: Sieben bis zehn fruchtbare Tage wechseln sich mit gerade mal ein bis zwei unfruchtbaren ab. Die riesige Population in Australien von 200 Millionen Tieren stammte von gerade mal 24 Exemplaren ab. Und da Krankheiten in gewissen Schwankungen auftreten, hofft man auch hier auf eine schnelle Regeneration der Bestände, wenn genug gesunde sich vermehren können. Bleibt abzuwarten, ob die Kaninchen ihren Ruf wieder einmal gerecht werden können.

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