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Im Kollektiv abgetaucht

Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 61: Die Reiherente

von Konstantin Mahlow

Der Rhein ist nicht nur eine internationale Pulsader der Weltwirtschaft, sondern trotz aller menschlichen Eingriffe ein nach wie vor bedeutender Lebensraum für zahlreiche Wasservögel – von Gänsen und Schwänen über Reiher und Milane bis hin zu Eisvögeln und Bachstelzen. Sie alle haben sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise an den Fluss angepasst, insbesondere, wenn es um die Nahrungsbeschaffung geht: Die einen stehen am Ufer und warten stoisch darauf, dass etwas Essbares in Schnabelnähe vorbei schwimmt. Manche paddeln auf dem Fluss und strecken ihre langen Hälse in Richtung Wasserpflanzen. Wieder andere fliegen mit hohem Sicherheitsabstand über dem Wasser und halten Ausschau nach Nahrung, die auf der Oberfläche treibt. Doch nur die wenigsten trauen sich, auf Tauchgang zu gehen, schon gar nicht für eine längere Zeit.

Ältere Semester erinnern sich an dieser Stelle vielleicht noch an die allererste Ausgabe dieser Kolumne über den Kormoran. Der allgegenwärtige und ganzjährig zu sehende Fischräuber ist für die meisten der erste Tipp, wenn sich irgendwo ein Vogel in die Fluten stürzt. Doch jetzt im Winter steigen die Chancen, eine ganz andere Art tauchender Wasservögel im STUZ-Gebiet zu sehen: Die Reiherente (Aythya fuligula) besucht den Inselrhein ab dem Spätherbst in großer Zahl. Die hiesigen Auen sind ein wichtiges Überwinterungsgebiet für viele Exemplare aus Skandinavien und dem übrigen Nordosten Europas. Es gibt in Deutschland zwar auch Populationen, die ganzjährig bleiben und brüten, doch an unserem Rheinabschnitt sind sie fast ausschließlich in der kälteren Jahreszeit zu sehen. Im November treffen üblicherweise die ersten Enten ein, der Rückzug beginnt im März, selten schon im Februar.

Frech gestylt
Reiherenten gehören zu den Tauchenten und verdanken ihren Namen ihrem auffälligen Federschopf, der an den des Graureihers erinnert. Sie bringen Ornithologen regelmäßig ins Schwärmen und fallen auch weniger geschulten Betrachter:innen schon von weitem durch ihr markantes wie elegantes Aussehen auf: Das Männchen trägt ein tiefschwarzes Gefieder mit leuchtend weißen Flanken und die erwähnte, nach hinten fallenden Federhaube, die ihm fast etwas Freches verleiht. Die herausstechend gelben Augen funkeln wachsam über der Wasseroberfläche, immerzu die Umgebung prüfend. Das Weibchen wirkt dagegen in ihren warmen Braun- und Beigetönen eher unauffällig, aber nicht weniger elegant. Der Stockente ähneln sie nur aus größerer Distanz. Im Gegensatz zu ihr haben sich Reiherenten bisher die gesunde Distanz zum Menschen bewahrt.

Sie bevorzugen Seen, Teiche sowie ruhige Flussabschnitte gegenüber der Strommitte und halten sich dort mit Vorliebe in größeren Gruppen auf der offenen Wasserfläche auf. In der Region ist neben den Flachwasserzonen zwischen den Rheininseln vor allem das Laubenheimer Ried ein wichtiger Treffpunkt für skandinavische Reiherenten im Winterurlaub. Aber auch in urbaner Umgebung sind sie hin und wieder zu sehen, etwa im nördlichen Becken des Zollhafens, das einst ein Schwimmbad werden sollte. Die geselligen Trupps sind ein lebendiges Schauspiel, wenn die Vögel gemeinsam ab- und auftauchen und dabei leise miteinander kommunizieren. Mit einem kurzen Satz, der wie ein Hechtsprung im Sitzen aussieht, verschwinden sie plötzlich in der Tiefe, um Muscheln, Schnecken oder Wasserinsekten vom Grund zu holen. Dabei können sie erstaunlich lange unter Wasser bleiben – bis zu 30 Sekunden bei Tauchgängen von maximal sieben Metern.

Gefräßige Artenschützer
Als nordische Feinschmecker machen Muscheln fast 60 Prozent ihrer Nahrung aus. Dadurch helfen Reiherenten unfreiwillig im Kampf gegen eine invasive Art im Rhein mit: Die aus dem Schwarzen Meer stammende Quagga-Muschel, eine für den Menschen ungenießbare Dreikantmuschel-Art, breitet sich überall in europäischen Gewässern aus und verdrängt dabei heimische Arten. Doch die dichten Bestände der Muscheln, die über den Sommer wachsen und sogar Wasserwerke beeinträchtigen können, werden gebietsweise erheblich von den hungrigen Enten dezimiert. Sie tauchen selbst nachts nach ihnen und können bis zu einem Kilo pro Tag verspeisen. Pünktlich zum nächsten Winter haben sich die meisten Muschelbestände aber meistens wieder erholt und der Tisch ist bei der Rückkehr der Vögel aufs Neue reich gedeckt – kein Wunder, dass die Zahl der Reiherenten am Rhein stetig zunimmt. Wer also das nächste Mal einen Vogel abtauchen sieht, sollte immer daran denken, dass es vielleicht kein gewöhnlicher Kormoran ist, sondern eine schwedische Tauchente auf der Jagd nach ukrainischen Muscheln. Der Rhein ist wohl auch für die Natur eine internationale Pulsader.

Foto: Alexis Lours, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

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