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Hör mal, wer da hämmert

Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 63: Der Buntspecht

von Konstantin Mahlow

Zwischen Februar und März liegt die große Zeitenwende, und, man spürt es allerwärts, mit dem Winter geht‘s zu Ede. Schon beim ersten Sonnenschimmer steigt der Lenz in‘s Wartezimmer. Keiner weiß, wie es geschah, und auf einmal ist er da.“ Mit diesen Versen beschrieb der Dichter Fred Endrikat den Beginn des Frühlings nach langen Monaten des grauen Himmels in Mitteleuropa. Und auch im STUZ-Gebiet haben sich in den vergangenen Wochen überall die Anzeichen vermehrt, dass die kalte Jahreszeit endgültig vorbei ist: der Rosmarin blüht, in den Vorgärten riecht es nach Grillfleisch und auf dem Rhein nerven die Schnellboote mit ihrem kriminellen Lärm die Spaziergänger:innen auf den Uferpromenaden. Gleichzeitig endet für die Naturfreunde unter den Stadtbewohner:innen die Zeit der Vogelfütterung – was aber nicht heißt, dass es nun bedeutend schwerer wäre, die heimische Avifauna zu beobachten. In den noch immer lichten Baumkronen ist es im Gegenteil ein Leichtes, verschiedene Vogelarten bei ihrem Balz- und Brutgeschäft zu entdecken. Besonders, wenn sie ein so hübsches Federkleid tragen wie der Buntspecht.

Indie-Fans denken bei dem Namen womöglich zuerst an die gleichnamige Band, die vergangenen November in Mainz einen Auftritt hatte. Tatsächlich aber ist der Buntspecht (Dendrocopos major) die hierzulande häufigste Spechtart. Selbst in urbanen Bereichen ist er nicht selten zu finden, solange es genügend alte Bäume gibt – in Mainz beispielsweise auf dem Gelände des Universitätscampus oder dem Alten Friedhof. Sein schwarz-weiß-rotes Federkleid wirkt, als hätte ihn jemand mit sorgfältigen Pinselstrichen bemalt: tiefschwarzer Rücken, leuchtend roter Unterschwanz, helle Flanken und, bei den Männchen, ein leuchtend roter Fleck im Nacken. Unverwechselbar ist er dennoch nicht, da seine Verwandten, der Klein- und der Mittelspecht, in einem sehr ähnlichen Look daherkommen. Beide sind jedoch kleiner als ihr großer Bruder, der etwa die Größe einer Amsel hat. Buntspechte halten sich das ganze Jahr über in unseren Breitengraden auf und sind am häufigsten dabei zu beobachten, wie sie am Baumstamm hoch und runter laufen und dabei immer wieder mit ihrem starken Schnabel das Holz bearbeiten. Noch öfter sind sie dabei aber zu hören.

Immer schneller, immer weiter
Ihr lateinischer Name bedeutet übersetzt nicht umsonst der „große Baumhämmerer“. Ihr schnelles Trommeln, der sogenannte Trommelwirbel, ist über weite Strecken zu hören. Dabei muss man beachten, dass sich der Buntspecht aus zwei verschiedenen Gründen den Schädel am Baum einschlägt: Jetzt im Frühling nutzen die Spechte das Trommeln als Mittel der Kommunikation, um ihr Revier abzugrenzen oder um Partner:innen anzulocken. Es entsteht durch das schnelle, mechanische Schlagen des Schnabels auf einen Resonanzkörper, wie einem Ast oder Baumstamm. In einem Zeitraum von gerade mal 0,4 bis 2 Sekunden schlägt ein Buntspecht zehn- bis sechzehnmal auf das Holz, ohne dabei eine Gehirnerschütterung davon zu tragen – seine Nackenmuskulatur und sein Schädel sind für die harte Arbeit speziell gepolstert. Die Vögel suchen sich bewusst abgestorbene Äste und Stämme aus, weil deren Resonanz den Trommelwirbel der Spechte noch lauter werden lässt und weiter über die Reviergrenzen hinaustragen kann. Der Spaß ist nicht nur balzenden Männchen vorenthalten, sondern wird auch von den Weibchen eifrig praktiziert.

Der zweite Zweck des Hämmerns ist die Nahrungssuche mit ihrem perfekt angepassten Schnabel. Diese spielt sich praktischerweise im selben Holz ab, das gerade noch als Klangkörper fungiert hat. Buntspechte lieben holzbewohnende Insekten und deren Larven, die sie vor allem im Totholz finden. Darüber hinaus verschmähen sie auch verschiedene Früchte, Kiefern- und Fichtesamen sowie bei günstiger Gelegenheit sogar Vogeleier und -junge nicht. Ein Trend der letzten Jahre ist die Entdeckung der Futterhäuschen durch die Spechte, die seitdem deutlich häufiger von ihren menschlichen Nachbarn wahrgenommen werden als zuvor.

Totholz als Lebensraum
Noch sind sie mit gutem Auge oft zu sehen: in manchen Stadtteilen, je nach Baumbestand, häufiger als in anderen. Nun ist eine gute Zeit dafür, bevor die Bäume geschlossen ihre Blätter tragen. Doch hier liegt auch ein wenig die Gefahr für die Spechte und andere Arten, die auf altes und totes Holz angewiesen sind: In den vergangenen Jahren wurden in Mainz, auch wenn sich die Stadt um eine Korrektur dieser Entwicklung bemüht, zunehmend mehr alte Bäume gefällt als junge nachgepflanzt. Die neuen Bäume brauchen sowieso Jahrzehnte des Wachstums, um für die Vögel interessant zu werden. Daher ist es von großer Bedeutung, die alten Baumbestände in den Parks, Friedhöfen und privaten Gärten um jeden Preis zu erhalten. Damit der Trommelwirbel der sympathischen Spechte nicht irgendwann doch verstummt.

Foto: Tcaroline legg, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

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