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Lust auf Fluss

Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 60: Großmöwen

von Konstantin Mahlow

Genau 52 Ausgaben ist es her, dass wir an dieser Stelle die Lachmöwe vorgestellt haben und ihr unterstellten, an den Ufern des Rheins für einen „Hauch von Nordsee“ zu sorgen. Dieser Eindruck hat sich in den letzten Jahren dank verwandtschaftlicher Unterstützung aus dem Norden sogar verstärkt: verschiedene Arten von Großmöwen oder „Küstenvögeln“ ziehen verstärkt den Strom runter bis ins STUZ-Gebiet. Selbst ungeübten Vogelbeobachtern fallen die im Vergleich zur Lachmöwe riesig erscheinenden Arten wie die Silbermöwe sofort auf, wenn sie sich bei der Brotfütterung unter den Schwarm mischen und ihren kleineren Kollegen das Futter abbüchsen. Aber um welche Arten handelt es sich dabei?

Seit geraumer Zeit schon hat sich das Rhein-Main-Gebiet als Lebensraum für eine ganze Reihe größerer Möwen etabliert, die sonst eher an Meeresküsten und in Hafenstädten zu finden sind. Die häufigste ist die Silbermöwe (Larus argentatus). Besonders in Touristenregionen ist sie als hochspezialisierter Ortungsapparat für Snacks jeder Art bekannt. Dabei ist sie berüchtigt dafür, eine Pommes aus bis zu drei Kilometern Entfernung zu erkennen und nicht mal vor Mundraub an unvorsichtigen Strandbesuchern zurück zu schrecken. Von der Lachmöwe unterscheidet sie sich vor allem in Größe, Aussehen und Lebensweise. Besonders auffällig ist ihr Kopfgefieder: Während die Lachmöwe im Sommer einen dunkelbraunen bis schwarzen Kopf trägt, bleibt der Kopf der Silbermöwe das ganze Jahr über weiß. Im Winter verliert die Lachmöwe ihre dunkle „Maske“ und zeigt nur noch einen weißen Kopf mit einem dunklen Fleck hinter dem Auge. Auch Schnabel und Beine unterscheiden sich: Bei der Lachmöwe sind sie meist rot bis dunkelrot gefärbt, bei der Silbermöwe ist der Schnabel dagegen gelblich und die Beine sind rosa bis fleischfarben. Außerdem wirken Silbermöwen meist selbstbewusster und dominanter und lassen sich von anderen Vögeln oder Menschen weniger leicht vertreiben.

Ihre Ernährung ist vielseitig: Fisch, Muscheln, Pommes, Brötchen, Eis, Wurst, Dönerfleisch, komplette Fischbrötchen inklusive Papier – auch wenn es letzteres glücklicherweise eher seltener bei uns gibt. Aber nicht nur wegen des Fehlens jener typischen Speise in Küstenorten scheinen die Silbermöwen am Rhein noch nicht denselben Grad an Dreistigkeit erreicht zu haben wie am Meer. Überhaupt sind Silbermöwen nicht einfach nur egoistische Diebe, sondern echte Charakterköpfe. Da ist der alte Platzhirsch mit dem zerzausten Gefieder, der jeden Neuankömmling lautstark vom Geländer vertreibt. Oder das Möwenpaar, das sich um ein Brötchen streitet, als ginge es um eine Scheidung mit Sorgerechtsfrage. Und über allem liegt ihr unverkennbares Lachen – ein kehliges „Hahaha“, das mal triumphierend klingt, mal wie eine Mischung aus kaputtem Rauchmelder und empörtem Seemann.

Während Silber- und Lachmöwe schon von der Erscheinung her leicht zu unterscheiden sind, ist eine genaue Bestimmung innerhalb der Großmöwen deutlich schwerer. Vor allem die immer häufiger werdende Mittelmeermöwe (Larus michahellis) ist der Silbermöwe sehr ähnlich. Wie ihr Name verrät, wanderte sie im Gegensatz zu den anderen Arten nicht aus Richtung Nordsee, sondern aus dem Süden an den Inselrhein. Kleiner und seltener, aber vom Gefieder her immer noch schwer zu unterscheiden ist die Sturmmöwe (Larus canus). Ganz anders wiederum verhält es sich bei den zwei größten Arten im STUZ-Gebiet: die Heringsmöwe (Larus fuscus) und die riesige Mantelmöwe (Larus marinus), die sogar als die größte Möwenart der Welt gilt. Beide haben einen schiefer- bis schwarzgrauen Rücken und Flügel. Während die gigantischen Mantelmöwen eher seltene Durchzügler sind, breiten sich Heringsmöwen immer weiter am Rhein aus und brüten mittlerweile vereinzelt hier.

Der Rhein wird also immer mehr zur Heimat einer ganzen Reihe von Küstenvögeln, die dafür einen gewissen maritimen Flair verbreiten – fast schon einen Hauch von Nordsee. Wer die unterschiedlichen Möwenarten beobachten möchte, muss nur am Rhein und besonders auf Höhe der Theodor-Heuss-Brücke spazieren gehen. Aber bitte nicht füttern! Brot ist für die Vögel nicht gesund und es ist ja ganz angenehm, dass die Möwen im STUZ-Gebiet noch nicht zu den Fischbrötchen-Räubern geworden sind, die man aus Stralsund und von anderswo her kennt. Auch wenn sie hier sowieso eher zum Döner greifen müssten.

Foto: Stu's Images, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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