Eine Mücke macht noch keine Schwalbe
Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 65: Schwalben
von Konstantin Mahlow
Stellt Euch vor, drei von vier Menschen, die Ihr kennt, würden plötzlich verschwinden. Wie wäre es, wenn 75 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland nicht mehr da wären? Dieser Traum eines jeden Misanthropen würde bedeuten, dass unser System zwangsläufig zusammenbrechen und es womöglich Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern würde, bis sich eine gesellschaftliche Ordnung auf einem neuen, niedrigeren Niveau etablieren würde. Eine absolute Dystopie – doch auch eine aktuelle Realität. Denn geschätzte dreiviertel des deutschen Bestandes an Insekten sind seit 1990 zurückgegangen – eine kaum zu greifende Zahl, entstanden in Dekaden voller Flächenversiegelungen, Lichtverschmutzungen und dem weiterhin vorhanden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. Kein Motorradfahrer benötigt heute noch einen Insektenschwamm, um seinen Helm nach einer Fahrt durch die Felder zu reinigen.
Jetzt könnte man sich denken: Wenn stört es, wenn einem auf der Fahrradtour weniger Fliegen im Auge landen als noch vor 30 Jahren? Doch Insekten sind das unsichtbare Fundament aller Ökosysteme, da sie das biologische Gleichgewicht regulieren und uns Menschen als Bestäuber von Nutzpflanzen die Nahrungsgrundlage sichern.
Und das natürlich nicht nur uns: Zahllose Tiere sind auf Insekten als Energiequelle angewiesen und schauen hungernd in die Röhre, wenn diese verschwinden. Dazu zählt auch eine Gruppe eleganter Vögel, die sich hierzulande großer Beliebtheit erfreut: Schwalben. Die Boten des Sommers und Akrobaten der Lüfte, die uns als Kinder immer ins Staunen versetzt haben, wenn sie mitten im bäuerlichen Stall knapp über unsere Köpfe zu ihren aus Lehm gefertigten Nestern sausten. Sie ernähren sich artübergreifend sogar ausschließlich von Fluginsekten wie Mücken, Fliegen, Blattläusen und Käfern – und wenn die ausbleiben, verschwinden auch die Schwalben.
Rauch- und Mehlschwalbe
Noch aber sind sie da, wie mir ein Spaziergang durch den Mainzer Winterhafen nur wenige Stunden vor Entstehen dieser Zeilen bewiesen hat. Im STUZ-Gebiet und speziell im städtischen Raum finden wir zwei Arten: die Rauchschwalbe (Hirundo rustica), die wegen ihrer Vorliebe für Ställe auch Haus- oder Stallschwalbe genannt wird, und die häufiger in Großstädten vorkommende Mehlschwalbe (Delichon urbicum), die vor allem an Außenseiten von Gebäuden, wie Dachvorsprüngen, Balkonen oder Fassaden, brütet und daher auch als Stadtschwalbe bezeichnet wird. Zuerst kommen im März die Rauch-, ab Mitte April dann auch die Mehlschwalben aus ihren afrikanischen Winterquartieren zu uns zurück und bleiben dann bis zum Herbst. Eine dritte, kaum bekannte Art ist die Uferschwalbe (Riparia riparia), die gerne in sandigen oder lehmigen Steilwänden brütet und urbane Bereiche eher meidet. In Rheinhessen, etwa um Wackernheim, kommt sie zahlreich vor. Nicht umsonst wird sie daher auch als Rheinschwalbe bezeichnet.
Unterscheidung durchs Detail
Die Arten alle voneinander unterscheiden zu können, ist eine der Grundvoraussetzungen für semiprofessionelles birding, wie die Vogelbeo-bachtung heute genannt wird – vorher darf man sich nicht Hobby-Ornithologe nennen. Die Rauchschwalbe erkennt man vor allem an ihrem langen, tief gegabelten Schwanz mit den typischen Spießen sowie an der rostrot gefärbten Kehle und der eher beigefarbenen Unterseite.
Die Mehlschwalbe wirkt dagegen kompakter, hat einen deutlich kürzeren Schwanz, eine vollständig weiße Unterseite und einen auffälligen weißen Bürzel über dem Schwanz. Uferschwalben sind kleiner und unauffälliger, haben oberseits ein erdbraunes Gefieder und ein klares, braunes Band über der sonst weißen Brust, das ihren Artgenossen fehlt. In der Innenstadt muss man dazu besonders aufpassen, die Schwalben nicht mit den allgegenwärtigen Mauerseglern zu verwechseln, die im Gegensatz zu den Haken schlagenden, beinahe tanzenden Schwalben, viel höher durch die Luft rasen, wie sichelförmige, dunkle Schatten (siehe Teil 21 dieser Kolumne).
Nisten zwischen Fußball und Musik
Im STUZ-Gebiet sieht die Situation des Insektenbestands nicht besser oder schlechter als andernorts aus. Glücklicherweise gibt es aber Bemühungen verschiedener Gruppen, wie dem örtlichen NABU oder auch dem Arbeitskreis Umwelt Mombach, den Schwalben unter anderem mit Nisthilfen und sogar künstlich angelegten Lehmpfützen für den Nestbau unter den Flügeln zu greifen. Und auch die Schwalben scheuen sich nicht vor uns Menschen, wie die Nester von Mehlschwalben an der MEWA Arena oder die von Rauchschwalben mitten im Torbogen der Zitadelle eindrucksvoll zeigen – laute Konzerte, Bundesligafußball und Menschenmassen zum Trotz. Doch auf Dauer wird es ihnen nur gut gehen, wenn es den Insekten wieder gut geht. Und da gibt es vor allem in Mainz, der am fünftstärksten versiegelten Stadt Deutschlands, noch eine Menge zu tun.
Foto: Prasan Shrestha, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons


