Schräg. Stark. Außergewöhnlich.
Als Sportjournalist jettete er um die Welt und berichtete von den großen Bühnen des Profifußballs. Doch 2025 kehrte Marcel Friederich diesem Leben bewusst den Rücken und widmet sich seitdem seiner Mutmacher-Initiative. Im Interview mit STUZ berichtet der gebürtige Mainzer, was ihn zu diesem radikalen Schritt bewegt hat und welche Pläne er nun verfolgt?
Interview Ulrich Nilles
STUZ: Herr Friederich, vor einem Jahr haben Sie Ihren sicheren und attraktiven Job bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) aufgegeben. Welcher Game-Changer führte zu dieser einschneidenden Veränderung?
Marcel Friederich: Die Entscheidung, die Mutmacher-Initiative anzugehen, beruhte nicht auf einem singulären Ereignis. Sie ist über lange Zeit gewachsen. Ich habe zunehmend gemerkt, dass beruflicher Erfolg allein für mich nicht mehr ausreicht, wenn dabei der persönliche Lebenssinn zu kurz kommt: das Gefühl, mit der eigenen Arbeit andere Menschen zu erreichen und gesellschaftlich etwas Positives zu bewirken. Im Profifußball ging es oft um Geschwindigkeit, Öffentlichkeit und Ergebnisse. Heute interessiert mich besonders die Frage, wie Begegnungen, Gespräche und persönliche Geschichten Menschen nachhaltig bewegen können.
Was ist das zentrale Anliegen der Mutmacher-Initiative?
Die Mutmacher-Initiative soll Menschen bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen, gerade dann, wenn das Leben nicht geradlinig verläuft. Im Mittelpunkt stehen authentische Erzählungen von Betroffenen, die Krisen, gesundheitliche Herausforderungen oder persönliche Rückschläge erlebt und trotzdem ihren Weg gefunden haben.
Sie selbst sind mit dem Möbius-Syndrom geboren, durch das Ihre linke Gesichtsmuskulatur gelähmt ist. Wie hat sich das auf Ihr Selbstbewusstsein ausgewirkt?
Es hat meine Kindheit und Jugend natürlich geprägt, insbesondere durch den Umgang mit Blicken, Irritationen oder vorschnellen Bewertungen anderer. Gleichzeitig habe ich gelernt, meinen eigenen Wert nicht von äußeren Zuschreibungen abhängig zu machen. Das war ein langer Entwicklungsprozess. Heute ist das Möbius-Syndrom ein Teil meiner Person, aber es definiert mich nicht.
In Ihrem gleichnamigen Buch stellen Sie elf „Mutmacher-Menschen“ vor, die alle mit einem oder mehreren Handicaps leben. Was verbindet diese Menschen?
Sie verbindet der Moment, in dem sie Verantwortung für ihr eigenes Leben übernommen haben, unabhängig von äußeren Umständen. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen, persönlicher Krisen oder gesellschaftlicher Vorurteile haben die Betroffenen die Opferrolle hinter sich gelassen und neue Orientierung für das eigene Leben gesucht. Es geht dabei weniger um klassischen Erfolg oder Karriere, sondern vielmehr um die innere Haltung.
Nehmen wir Rosi aus Mainz, die als Zehnjährige durch die schweren Bombardierungen von Mainz traumatisiert wurde. Heute engagiert sie sich mit fast 92 als Instagram-Influencerin und zeigt auf beeindruckende Weise, dass sich auch das hohe Alter noch kreativ und sinnvoll gestalten lässt.
Oder David Dietz, der mit nur einem halben Arm zweifacher Vater und Führungskraft ist. Er ist ein Vorbild dafür, dass auch mit erheblichen körperlichen Einschränkungen ein selbstbestimmtes, verantwortungsvolles und erfolgreiches Dasein möglich ist.
Gab es Begegnungen, die Sie besonders beeindruckt haben?
Jede Begegnung hatte ihre eigene Tiefe. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir für mein Buch „Mutmacher-Menschen“ die Gespräche, in denen die Interviewten sehr offen über Verluste, gesundheitliche Krisen oder Phasen großer Unsicherheit gesprochen haben.
Welche Impulse können Lesende mitnehmen?
Dass Mut sehr individuell ist und oft mit kleinen Entscheidungen beginnt. Nicht die großen Umbrüche sind ausschlaggebend, sondern die leisen Schritte im Alltag, die langfristig Wirkung entfalten. Viele Menschen unterschätzen, wie viel bereits in kleinen Haltungsveränderungen bewirken können.
Welche Projekte stehen derzeit im Mittelpunkt der Mutmacher-Initiative?
Im Mittelpunkt stehen Vorträge, Schulworkshops, Lesungen und Begegnungsangebote. Diese richten sich an Menschen in Umbruch- oder Entscheidungssituationen ebenso wie an jene, die sich mit dem Anderssein auseinandersetzen. Im Sommer soll die Arbeit durch die Gründung eines inklusiven Mutmacher-Vereins auf eine solide Basis gestellt werden.
Was würden Sie sich für Menschen wünschen, die mit Beeinträchtigungen oder besonderen Belastungen leben?
Vor allem, dass sie nicht auf ihre Einschränkungen reduziert werden. Jede einzelne Person möchte gesehen werden – mit ihren Fähigkeiten, Träumen und ihrer Persönlichkeit. Mehr echtes, aktives Zuhören, mehr Respekt im Umgang und weniger Hemmungen im sozialen Miteinander. Ausgrenzung entsteht oft nicht aus böser Absicht, sondern aus fehlender Begegnung.
WTF
Weitere Infos unter: marcelfriederich.de


