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Nostalgie am Schlachthofring

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An einem sommerlichen Samstagnachmittag laden Schlachthof und Kulturpark Wiesbaden zum dritten Mal in Folge bei freiem Eintritt zur German Open, der Internationalen Deutschen Meisterschaft im „Kettcarfah´n“. Aber wer sind die Teilnehmer des Rennens auf vergrößerten Kinderspielzeugen? STUZ geht vor Ort der Frage nach.

Von Melanie Döring

Kettler wirbt auf seiner Webseite nicht zuletzt mit Nostalgie aus der PR-Trickkiste: „Begeben Sie sich auf eine Zeitreise in Ihre Kindheit. Viele Generationen hat der schnittige Pedalrennwagen begleitet.“ Die vierrädrige Konstruktion mit Lenkrad, Handbremse und tiefliegender Sitzfläche sei schlicht Kult. Zielgruppe sind durch leichte Handhabung und die im Kasten verborgene Kette „Nachwuchs-Schumis und junge Rennfahrer bis 12 Jahre“. Anders heute in der Murnaustraße: Das Mindestalter für die Teilnahme am Rennen beträgt 16 Jahre, die Startgebühr 50 Euro. Die Veranstalter versprechen Emotionen, Wadenkrämpfe, sogar Freudentränen. Für Unterhaltung sorgen DJs und der Open Air Flohmarkt mit Street Food.

„So zwischen Gaudi und Leistungssport“

Rennleiter Dietmar Krah rief das Event ins Leben und betont, dass es keine vergleichbare Veranstaltung in Deutschland gibt. Er berichtet, warum die Veranstalter an der Kreation außergewöhnlicher Veranstaltungen interessiert sind: „Uns ein bisschen was Verrücktes auszudenken stößt auf fruchtbaren Boden, weil diese Veranstaltung so zwischen Gaudi und Leistungssport liegt und das lockt ein hübsches, interessantes Fahrervolk an.“

Manövrieren in einer der heimtückischen Kurven. Foto: Melanie Döring

„Ich fahre aber auch nicht unter der Woche mit dem Kettcar durch Wiesbaden“

Gibt es denn den Kettcarfahrer? „Kein Mensch fährt normalerweise Kettcar. Wir haben hier die besten Fahrzeuge, die man kriegen kann: für Erwachsene, 3-Gang, sehr robust. Es gibt Radsportler, die sagen ´Das wäre was für uns` und es gibt die, die sagen ´Klingt geil, das machen wir auch mal mit.` Ich fahre aber auch nicht unter der Woche mit dem Kettcar durch Wiesbaden.“ Im letzten Jahr konnten sich die Neueinsteiger „Total Control Racing“ (TCR) qualifizieren und haben überraschend den Sieg eingefahren. Ein Mitglied erzählt: „Ich glaube einer war hier als Zuschauer, dem hat´s gefallen, hat ein Team aufgestellt und den Titel geholt“. Dietmar Krah prophezeit nach der Teambesprechung eine Titelverteidigung dank hoher Konzentration und eisernem Willen. Die Mannschaften dürfen mit beliebig vielen Auswechselfahrern antreten. Sieger ist das Team mit den meisten 400-Meter-Runden in fünf Stunden. „Es klingt verrückt, aber es ist erstaunlich kurzweilig und ohne Hänger, weil die Teams immer ihre frischen Leute bringen und an der elektronischen Rundenzählung sehen, wo sie liegen. Die Leute geben da wirklich alles. Es ist nicht nur ein flotter Spruch wenn man sagt: Freudentränen, Wadenkrämpfe. Das alles wird heute Abend hier noch passieren“, so Krah.

Zuschauer sammeln sich an der Rennstrecke vor dem Schlachthof. Foto: Melanie Döring

„Die Polizei Wiesbaden hatte ein Team angemeldet, ganz offiziell: Die Blitzerflitzer“

Für das Qualifying vor dem Renntag wurden die Veranstalter kreativ: Neben den gesetzten drei Bestplatzierten des letzten Jahres wurde ein moderner Fünfkampf abgehalten mit unterschiedlichsten Disziplinen wie Einzelwertung im Familien-4er-Kettcar, Hindernis-Geländesprint, Bauklotzturm-Bauen und eine Runde auf dem Pumptrack, der Skateboardanlage, mit kleinem Roller in der Rundenstaffel. Dabei haben sich die „Barlappen“, das Team der CalisthenicsSportler, die zum Inventar des Kulturparks gehören, nicht qualifiziert. Der Name beziehe sich auf „die Bar zum Hochziehen“, denn das ist Calisthenics: Training mit dem eigenen Körpergewicht an Krafttrainingsstationen wie Klimmzugstangen und Parallelbarren. „Und Lappen ist halt ´n Lappen. Das kam, weil sich sonst der ganze Rest der Szene so ernst nimmt und für uns ist das Sport und Spaß“, so ein Athlet. Dietmar Krah schildert: „Die Polizei Wiesbaden hatte ein Team angemeldet, ganz offiziell: Die Blitzerflitzer.“ Das halbe Rennteam habe aber wegen einer Demonstration am Bahnhof arbeiten müssen, sodass die Barlappen nachgerückt seien.

„Wir fahren viel Fahrrad privat und dann war das ´ne nette Ergänzung dazu“

Ein Mitglied von „Happy Metall“ gibt preis: „Wir wurden angesprochen vom Schlachthof, ob wir nicht Lust haben als Firma mitzufahren, weil wir oft gemeinsame Sportaktionen machen.“ Dabei handelt es sich um die regionale Firma Huhle Metallbau. Steckt dahinter monatelange Vorbereitung? „Das lief so ab, dass wir gar nicht trainiert haben [lacht]. Jeder hat sich selbst vorbereitet in Form von intensivem Fahrradfahren und Meditieren“. Ein Sportler von „Schnell auf Metallgestell“, Zweitplatzierte der letzten beiden Jahre, gibt an, durch Zufall dazu gekommen zu sein: „Wir haben´s entdeckt und gesagt: Das ist ´ne super Sache. Wir fahren viel Fahrrad privat und dann war das eine nette Ergänzung dazu.“ Die „Pussy Ketts“, Veteranen des Kettcarsports – seit 2005 dabei, sprechen von ernsthafter Vorbereitung: „Bei mir war es Halbmarathon-, Megamarsch- [Anm. d. Red.: 100 km Wandern in 24 h], Zirkeltraining, alles komplett durch“. Die Gruppe stammt aus Wiesbaden und dem Rheingau. Ein Mad Max Mario Kart-Mitglied erzählt: „Letztes Jahr bin ich einen Monat Fahrrad gefahren, dieses Jahr zwei Tage.“

Vertreter der „Pussy Ketts“. Foto: Melanie Döring.

Als weiteres Team fällt schnell HEAVEN Racing auf. Das mag an den zahlreichen Shirts liegen, die über das Gelände verteilt sind, oder am großen Unterstützerzelt an der Rennstrecke. Das Heaven Wiesbaden ist eine Bar am Sedanplatz, deren Rennfahrer im Qualifying auf dem ersten Platz landeten.

Krahs Prophezeiung erfüllt sich

Nach einem weiteren Qualifying um die Startaufstellung erfolgt um 16.30 Uhr der feierliche Einmarsch der Sportler, bevor es um 17 Uhr samt Startfeuerwerk losgeht. Titelverteidiger TCR gibt sich etwa zur Mitte des Rennens hin zuversichtlich: „Läuft gut. Wir sind ein bisschen hintendran, aber das holen wir noch auf.“ Im Laufe des Abends legen die Fahrer nach Angaben Dietmar Krahs dann insgesamt ganze 667,2 Kilometer zurück. Sieger und damit erfolgreiche Titelverteidiger sind TCR.

Eines der vom Veranstalter gestellten Fahrzeuge. Foto: Melanie Döring

GERMAN OPEN – Internationale Deutsche Meisterschaft im Kettcarfah´n am 11. August 2018, 15 bis 22 Uhr 

– 400 m Rundkurs: Schikanen & Haarnadelkurven durch & um den Schlachthof

– bis zu 25 km/h schnell

– 7 Teams mit je 7-9 Piloten, Ausnahme: MAX MAX MARIO KART (über 20 Fahrer)

– bereits die 8. von Krah ausgerichtete Meisterschaft: wegen ungeeignetem Gelände & Umbauten

12 Jahre Pause, Neuauflage 2016

ENDERGEBNIS:

– 1. Platz & Int. Deutscher Meister: TOTAL CONTROL RACING (254 Runden = 101,6 km:

neuer Rekord!)

– 2. Platz HEAVEN RACING TEAM (251 Runden)

– 3. Platz SCHNELL AUF METALLGESTELL (250 Runden)

– 4. Platz PUSSY KETTS (237 Runden)

– 5. Platz MAD MAX MARIO KART (232 Runden)

– 6. Platz HAPPY METALL (231 Runden)

– 7. Platz BARLAPPEN (214 Runden)

– Neuer Rekord für die schnellste Runde: MAD MAX MARIO KART (61,2 Sekunden)

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