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Stadt

Das Problem mit der Schere

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Die geht nicht nur deutschlandweit zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Auch in Mainz wird die Kluft zwischen lebendiger, pluraler und urbaner Kultur und monotonen Wohnprojekten für Betuchte immer größer – meist zugunsten letzterer.

Von Tim Porzer

Ein spätsommerlicher Spaziergang durch die Mainzer Stadt offenbart ein mittlerweile vertrautes Bild deutscher Großstädte: Neubauten schießen wie steril gebleichte Bohnenstangen aus dem Erdboden, pressen sich zwischen vom Zahn der Zeit und von manchem Sprayer Gezeichnetes. Altes wird umgewidmet. In diesem Jahr bedeutet dies vor allem für den Kulturbetrieb in Mainz massive Veränderungen. Mit der Planke Nord am Rheinufer, ganz aktuell dem 50 Grad mitten in der City und in wenigen Monaten dem Haus Mainusch auf dem Campus verschwinden namhafte Kulturstätten. Sie alle teilen das Schicksal, neuen Großprojekten zum Opfer zu fallen, auch wenn die Hintergründe dabei verschieden sind.
Es bleibt jedoch das Gefühl, dass immer mehr Kultur-, Jugend-, und Freizeitraum verschwindet. Während die Planke Nord von Beginn an lediglich als Übergangslösung geplant war, ist die Schließung des 50 Grad mit dem Verkauf des Eltzer Hofs an eine Immobilienfirma verbunden. Damit endet nach 17 Jahren die Zeit der unbeschwerten Nächte und der guten Musik. „Der Auszug ist beendet und die Bauarbeiten haben begonnen“, erzählt Thomas Grümmer, Verantwortlicher für das Marketing, PR und Booking im 50 Grad. Das endgültige Aus für den altgedienten Club soll dies aber nicht sein, versichert er: „Wir sind weiterhin auf der Suche nach einer neuen Location, haben bis jetzt aber noch nichts gefunden.“ Die Kriterien dafür sind klar formuliert: „Eine zentrale Lage, möglichst wenig Stress mit den Nachbarn wegen des Lärms und eine vorhandene Konzession oder die Möglichkeit, diese zu erwerben.“ Dass die Suche nicht leicht wird, ist den Verantwortlichen bewusst. „Die bisherige Konzession des 50 Grad war ortsgebunden und ist somit mit der Schließung ausgelaufen“, erklärt Grümmer. Eine neue zu bekommen dürfte in Innenstadtnähe wegen des Lärmschutzes schwierig werden.

Weiß und grau: Wohnanlage am Zollhafen

Immer mehr wollen in die City

Ein weiterer kultureller Hotspot, der noch in diesem Jahr vor dem Aus steht, ist das Haus Mainusch auf dem Unigelände. Die Schließung des beliebten Treffpunkts ist bereits seit längerem beschlossen und war zunächst auf November 2017 datiert. Nach den neuesten Entwicklungen darf das selbstverwaltete Zentrum nach einer erneuten kurzfristigen Verlängerung noch bis Ende November diesen Jahres bleiben. Dann droht das endgültige Verschwinden der Institution. Gerade für die Kulturszene, aber auch die politische und gesellschaftliche Selbstbestimmung bedeutet dies einen herben Einschnitt. „Es entsteht das Gefühl, dass Clubs, Jugendkultur und Studentenhäuser rausgedrängt werden“, beschreibt Grümmer die aktuelle Lage. Während die altgedienten Kulturstätten nach und nach abgerissen werden, entstehen in der Mainzer Innenstadt verschiedene Neubauten zur Wohn- und Gewerbenutzung. Dass diese eher durch ein steriles Weiß als durch architektonischen Charme auffallen und damit zu einem obskuren Stadtbild beitragen, stört die Erbauer wenig.

Bunt und zum Tode verurteilt: das Haus Mainusch

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, dem sei beim Flanieren in der Neustadt ein Blick auf den Kaiser-Wilhelm-Ring oder den Barbarossaring empfohlen.
Die baulichen Veränderungen beeinträchtigen jedoch nicht nur das Stadtbild, sondern sind bei genauerem Hinschauen eine logische Folge der Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert. „Wir haben das Phänomen, dass immer mehr Menschen sagen, sie wollen in der Innenstadt wohnen“, erklärt der SPD-Politiker und Ortsvorsteher der Mainzer Neustadt Johannes Klomann. Dieser Trend ist auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt zu beobachten. Neben der wachsenden Einwohnerzahl, sind steigenden Mieten die Folge. „Die Preise gehen hoch, das war früher nicht der Fall, gerade die Neustadt war früher günstiger“, ordnet Klomann die Entwicklungen der vergangen Jahre ein. Als Konsequenz versucht die Stadt kontinuierlich neuen Wohnraum zu schaffen. Das Großprojekt Zollhafen strebt einen Mix aus Wohnen, Kultur, Freizeit, und Gewerbe an, bewegt sich dabei aber eher im gehobenen Mietpreissegment. Die Ursache für diese Tatsache führt Johannes Klomann auf die Anfänge der Planung zurück: „Vor 15 Jahren wollte man die Gutverdiener in der Stadt halten und das war Grundlage für das Projekt Zollhafen.“ Aus heutiger Sicht gibt der SPD-Politiker zu: „Natürlich läuft dieses Projekt in gewisser Weise diametral zu dem jetzigen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum.“ Während am Zollhafen nur ein geringer Teil des entstehenden Wohnraums gefördert ist, soll andernorts bewusst bezahlbarer Wohnraum entstehen. Für Klomann ist die Wohnbau Mainz „ein Hebel für bezahlbaren Wohnraum in der Mainzer Neustadt“ und der Ortsvorsteher fügt an: „Denn nur mit der Wohnbau ist die Stadt selbst in der Lage Wohnraum zu schaffen.“ Ein Beispiel ist für den Politiker „das Heiligkreuz-Viertel als große Möglichkeit, in Stadtnähe bezahlbaren Wohnraum zu gewährleisten.“ Zugleich bedeutet der steigende Bedarf an Wohnraum in Mainz oftmals das Zurückweichen der Kultur- und Partyszene: „Die Forderung nach neuem Wohnraum in der Innenstadt ist schwer zu vereinbaren mit neuen Clubs, Stichwort Lärmschutz“, beschreibt Klomann das Dilemma.

Weiß und grau: modernes Wohnen im Kaiser-Wilhelm-Ring

Kapitalanlagen statt lebendige Projekte

Gerade am Heiligkreuz-Viertel zeigt sich jedoch eine Möglichkeit, beides in Einklang zu bringen. Zugleich wird die Notwendigkeit, der angespannten Wohnsituation in Mainz mit neuen Ideen und kreativen Projekten entgegenzuwirken, deutlich. So bewerben sich derzeit mehrere Wohninitiativen auf Grundstücke, um diese im Anschluss nach eigenen Vorstellungen zu bebauen. Eine davon, die Baugemeinschaft 49°N, organisiert sich als Gesellschaft bürgerlichen Rechts und bewirbt sich derzeit auf ein Grundstück des ehemaligen IBM-Geländes, um darauf ein Mehrfamilienhaus mit Eigentumswohnungen für 25 Parteien zu errichten. „Die Stadt Mainz reserviert gewisse Grundstücke für Vereine wie uns“, lobt Michael Grünert, Mitglied von 49°N, und fügt an: „Hier entscheidet nicht das Prinzip Meistbietender, sondern das beste Konzept und der Verkauf geschieht zu einem zuvor festgesetzten Preis.“ Ein interessanter Gegenentwurf zum ansonsten angespannten Immobilienmarkt. Das weiß auch Grünert, wenn er sagt: „Als Gruppe privater Interessen wären wir ansonsten chancenlos.“ Preislich bietet das Konzept für Personen, die Eigentum erwerben wollen, weitere Vorteile. „Dieses Projekt bietet die Möglichkeit nur die Kosten tragen zu müssen. Zwar sind die Erstellungskosten etwas höher, aber dafür an die spezifischen Bedürfnisse der Bewohner angepasst, ansonsten ist der Bau einer Neubauwohnung zu vernünftigen Preisen eine große Herausforderung“, verrät Grünert. Ziel der Gruppe ist es, durch ihr gemeinschaftliches Projekt „eine gewisse Kultur in der Stadt zu entwickeln und ein Gebäude zu bauen, an dem auffällt, dass das was anderes ist“ gibt sich Grünert ambitioniert. Von der Stadt wünscht er sich zuletzt vor allem in Sachen Klimawandel und CO2-Belastung mehr Initiative, denn da „ist die Stadt Mainz nicht sehr mutig bei den Bestimmungen.“
Kreative Bauprojekte im Heiligkreuz-Viertel, die in eigener Regie bezahlbares und interkulturelles Wohnen ermöglichen wollen, gibt es auch auf Mietbasis, wie die Initiative Z-Wo beweist. Die angespannte Mietsituation in Mainz führt Miro Holzer, Vorstandsmitglied von Z-Wo, auf mehrere Gründe zurück: „Es gibt eine Schere zwischen benötigtem bezahlbaren Wohnraum und Luxusvierteln. Das Zwischensegment fehlt. Außerdem fehlt in vielen Vierteln die Lebendigkeit, da sie als Kapitalanlage angelegt sind.“ Diesen Problemen versucht die Baugemeinschaft entgegenzuwirken. Auch sie bewerben sich derzeit auf ein Grundstück des ehemaligen IBM-Geländes im Heiligkreuz-Viertel und wollen vierzig neue Mietwohnungen bauen. „Als Genossenschaft arbeiten wir mit einer Kostenmiete für die entstehenden Wohnungen und stehen dabei für langfristige Bezahlbarkeit und keine zeitliche Bindung“, stellt Holzer das Projekt vor. „Beim Eintritt müssen zusätzlich Genossenschaftsanteile gekauft werden, damit ein Kredit für den Bau aufgenommen werden kann, die Anteile gibt es beim Auszug aber eins zu eins wieder zurück“, versichert Holzer weiter. Ein starker Fokus in den Planungen der Gruppe spielt dabei das Thema Gemeinschaft. „Das Konzept Z-Wo sieht großzügige Gemeinschaftsflächen vor, sodass der individuelle Wohnraum reduziert werden kann“, gibt das Vorstandmitglied preis und ergänzt: „Coworking, ein Quartierscafé und ein Quartiersverein sind zudem vorgesehen, es geht um ein Projekt mit Impact nach außen.“ Abseits von seinem Engagement in der Wohninitiative schlägt Holzer vor, „als Stadt mehr mit dem Modell Erbpacht zu arbeiten, anstelle Grundstücke direkt zu verkaufen.“

Soll was mit Kultur werden: die Komissbrotbäckerei

Lichtblicke KUZ und Kulturbäckerei

Die Kombination von steigenden Mietpreisen und dem Verlust von Kultur- und Jugendraum führt nicht zuletzt zu einem Wandel innerhalb der Bevölkerung. Geringverdiener und Studenten werden aus dem Innenstadtzentrum verdrängt und werden durch Besserverdiener ersetzt. Zugleich bedeutet die Zunahme an Neubauprojekten eine steigende Notwendigkeit, alte Gebäude zu sanieren oder abzureißen. Diese Gefahr sieht auch Johannes Klomann: „Es gibt eine potentielle Gefahr des Aufwertungsdrucks und damit steigenden Preisen durch Bauprojekte wie den Zollhafen und punktuell sieht man das am Sömmeringplatz, wo ein Altbau renoviert wurde, aber natürlich ist das auch schwer zu beweisen.“ Sollte sich diese Tendenz verstärken, könnte Klomann zufolge via Milieue-Schutz-Satzung den Renovierungsboom und die steigenden Preise regulieren. Diese würde die Sanierung von Eigentum nur unter speziellen Voraussetzungen genehmigen.
Ein Projekt der Neustadt, das sich bereits seit längerem in der Planung befindet und voraussichtlich demnächst eine neue Stufe erreicht, ist die Ausgestaltung der Komissbrotbäckerei. „Die Wohnbau Mainz verhandelt derzeit mit dem BImA (Bundesamt für Immobilienaufgaben, Anm. d. Red.) über den Kauf und in den nächsten Monaten wird der Verkauf hoffentlich abgeschlossen“, berichtet Klomann. Im Anschluss daran soll in Zusammenarbeit mit dem Verein Kulturbäckerei e.V. ein Ort der soziokulturellen Nutzung und der Wohnbebauung entstehen. Die bürgerliche Mitbestimmung ist dem SPD-Politiker dabei ein Anliegen: „Es soll aus der Bürgerschaft formuliert werden, was mit der Kulturbäckerei geschehen soll.“
Auch wenn sowohl die angespannte Wohnsituation als auch der Verlust beliebter Anlaufpunkte den aktuellen Entwicklungen Brisanz verleihen, wird deutlich, dass sich positiv wie negativ einiges tut in der Stadt und wem trotz allem der Sinn nach Kultur und Party zumute ist, dem sei die Wiedereröffnung des KUZ am 14. Dezember ans Herz gelegt.

Am Eltzer Hof beginnen die Bauarbeiten

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