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Schweigend die Stimme erheben

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Wie Pinguine: Eine stumme Solidargemeinschaft in Schwarz bestreitet am 19. Oktober ihre Prozession – um das Eis des Schweigens zu brechen, für Freiheit und Gerechtigkeit in einer kalten Welt. A21 ruft zum Walk for Freedom auf und Mainz antwortet.

von Lea Krumme

Fällt das große Wort Sklaverei, kommen unweigerlich erschreckende Bilder von Plantagenarbeitern, angeketteten Ruderern in überfüllten Schiffen und grausamen Aufsehern mit Peitschen auf. Bilder von unmenschlichen Bedingungen vergangener Jahrhunderte, die in unserer modernen Zivilisation zum Glück längst überholt sind. Scheinbar. Denn laut der Nonprofit-Organisation A21 (Abolitionists of the 21st Century) sei die Zahl der Sklaven heutzutage höher als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Heute sieht der Handel mit Menschen vielleicht anders aus und geschieht nicht mehr vor aller Augen auf öffentlichen Hafenmärkten – aber es wäre naiv zu glauben, hinter verschlossenen Türen gingen die skrupellosen Geschäfte mit Menschenleben nicht fröhlich weiter wie eh und je. Dass dagegen etwas getan werden muss, hat A21 erkannt und ist aktiv geworden. Seit 2008 engagiert sich die Organisation im Bereich der Aufklärung und organisiert Kampagnen und Events wie den jährlichen Walk for Freedom, um Aufmerksamkeit zu schaffen für das weltweit boomende Milliardengeschäft um Kindersoldaten, Zwangsprostitution und etliche weitere Formen ungleichgewichtiger Machtverhältnisse, unter deren Joch unzählige Menschen notgedrungen, unter menschenunwürdigen Bedingungen und physischer wie psychischer Gewalt, ihre Körper und ihr Leben verkaufen. Ohne Bezahlung, geschweige denn gesundheitliche Versorgung. Und das in einer Zeit, in der den privilegiert aufwachsenden Generationen in unserem freien Land beigebracht wird, dass ein Menschenleben von unbezahlbarem Wert und die Würde des Menschen unantastbar sei. Diese gut versteckte, barbarische Realität entlarvt die Grundsätze, auf denen unsere postmoderne Gesellschaft begründet ist, als Farce.

Aufmerken

Ist die Dimension dieser Tatsache einmal bewusst geworden, stellt sich natürlich die Frage – soweit zumindest die Hoffnung und Mission von A21 – wie wir von hier aus an das Problem herangehen und was wir praktisch tun können, um die Fesseln von zahllosen Menschen zu lösen. „Education about human trafficking is key to ending slavery“, sagt A21. Die „Eyes Wide Shut”-Mentalität muss abgelegt und sich bewusst den unangenehmen Wahrheiten gestellt werden, die lieber unausgesprochen bleiben. Aufmerksamkeit muss erregt werden. Dabei lässt sich Auf-Merksamkeit ganz einfach in den Alltag integrieren: Wir können bewusst den Blick aufwärts richten in den Seiten- und sogar Hauptstraßen, von denen wir wissen, dass in den Obergeschossen Dienstleistungen angeboten werden, die der Öffentlichkeit weitgehend verborgen bleiben sollen, oder auch einfach schweigend toleriert werden. Wir können auf der Autobahn Notiz von den Unmengen an Transportern nehmen, die an uns vorbeifahren, ohne dass wir jemals hinterfragen, welche Fracht sich an Bord ihres Laderaums befindet. Wir können aufstehen und an Aktionen teilnehmen. Macklemore rappt in seinem Song Intentions von dem ewigen Dilemma zwischen guten Vorsätzen und den gemütlichen Gewohnheiten der Alltagsrealität, und hält sich selbst und der gesamten Gesellschaft, Gutmenschen wie Normalos, darin einen ziemlich deutlichen Spiegel vor: „We tweet about justice, but don’t show up to the march.“ Das könnte sich ändern. Ein erster Schritt ist der Walk for Freedom.

Aufkreuzen

Mehr als 50 Länder erheben am 19. Oktober weltweit schweigend die Stimme. Allein in Deutschland reihen sich 28 Städte ein. Treffpunkt in Mainz ist am Bahnhofsvorplatz, in Schwarz gekleidet und marschbereit um 14 Uhr. In einer etwa anderthalbstündigen Prozession schreiten die schweigenden Protestierenden durch die Innenstadt, begleitet von Flyerverteilern, die als Ansprechpartner dienen und über die erschreckenden Fakten informieren – etwa dass mehr als 150 Milliarden US-Dollar, Tendenz steigend, jährlich durch Menschenhandel gewonnen werden, während nur ein Prozent der Opfer jemals aus der Sklaverei befreit wird. Beim Walk for Freedom geht es in erster Linie um Sensibilisierung. Einen Spendenaufruf wird es daher nicht geben. Wer sich aber für den Zweck engagieren möchte, kann dies unter tinyurl.com/a21mainz tun. Jeder Cent über die Abdeckung der Organisationskosten hinaus geht direkt an A21. Um den Veranstaltern die Planung zu erleichtern, ist eine Anmeldung unter demselben Link möglich. Aber auch unangemeldete Solidarität ist herzlich willkommen. Der Walk for Freedom richtet sich an Frauen, Männer, Kinder, Pinguine – alles, was schreiten oder geschoben werden, schwarz tragen und schweigend die Stimme erheben kann.

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