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Umwelt

Aufgewachsen in Ruinen – der Götterbaum

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Was rankt und floriert im STUZ-Gebiet? Neophyten, die Pflanzen von woanders, vor der Haustür. Teil 1: Der Götterbaum

von Katja Birkenfeld

Durch den Menschen eingeschleppte, nicht heimische Pflanzenarten nennt man Neophyten. Sie gelten als invasiv, wenn ihre Ausbreitung unerwünschte Effekte auf bestehende Ökosysteme hat. Der Klimawandel begünstigt die Verwilderung dieser ursprünglich in wärmeren Gefilden beheimateten, oft als Zierpflanzen gedachten, Exoten.

Den Götterbaum hat so gut wie jeder von uns schon einmal wahrgenommen. Ursprünglich 1750 als Futterpflanze für eine Unterart der Seidenspinnerraupen nach Frankreich importiert, wuchert er inzwischen auch in Mainz und Wiesbaden auf den meisten Grünstreifen und aus jeder noch so schmalen Spalte im Asphalt. Ab seinem dritten Lebensjahr produziert er seine omnipotenten Samen, die seine unkontrollierbar rasante Ausbreitung bedingen und verbreitet diese durch die Luft, was vor allem Allergikern zunehmend zu schaffen macht.

Aber damit nicht genug: Um für seine Potenz die Werbetrommel zu rühren und auch wirklich alles und jeden auf sich aufmerksam zu machen, verströmt der bis zu 30 Meter hoch werdende („bis zu den Göttern reichende“), am schnellsten wachsende Baum in ganz Europa, durch Drüsen an den Unterseiten seiner Blätter einen als spermaartig beschriebenen Geruch, der in höherer Konzentration als reizend und unangenehm empfunden wird.

Nicht unpassend hierzu sind der Stockausschlag seiner Wurzeln und seine Neigung zur Entwicklung eines enormen Stammes; Standfestigkeit ist dem Götterbaum definitiv nicht abzusprechen. Rücksichtnahme scheint derweil allerdings nicht unbedingt seine Stärke zu sein; neben dem ungefragten invasiven Eindringen in Lebensräume und dem Verdrängen anderer Arten in der Natur führt die Ellenbogenmentalität, mit der der Götterbaum sich zu entfalten pflegt im urbanen Raum auch zu Schäden an Mauern, Wegen und Straßen.

Immerhin: Als Bienenweide erweist sich der Götterbaum als Nektarlieferant für besonders aromatischen Honig. Auch Ameisen schätzen sein duftendes Drüsensekret, darüber hinaus dient er allerdings, wenn überhaupt, invasiven Insektenarten, die ebenfalls unsere Fauna und Flora bedrohen, als Lebensgrundlage, wie zum Beispiel der Seidenspinnerraupe.

Für die meisten heimischen Insekten indes sind Rinde und Blüte des Baumes giftig. Sie enthalten den Bitterstoff Quassin, der in der biologischen Landwirtschaft als natürliches Insektizid Verwendung findet. Bei Menschen und Säugetieren senkt Quassin die Herzfrequenz und kann zu Lähmungserscheinungen führen. In größeren Mengen ist Quassin ein potenziell tödliches Gift. Deswegen wird das Tragen von Handschuhen beim Umgang mit dem Gewächs dringend empfohlen.

Anspruchslos in der Wahl seines Standortes und auch mit nährstoffärmeren Böden zufrieden zu stellen, trotzt der Götterbaum tapfer Wind und Wetter, hält Hitzewellen stand und wächst über menschgemachte Störfaktoren wie Abgase und Streusalze erhaben hinweg. Werden die Bäume gefällt, treibt das weitreichende Wurzelsystem des Flachwurzlers alsbald an anderer Stelle wieder neu aus.

Der umgangssprachlich inzwischen gern als „Ghettopalme“ bezeichnete Neophyt war einst auch in Deutschland als Zierpflanze beliebt. Anspruchslos und reichlich Samen bildend erschien „Allianthus altissima“ nach dem Zweiten Weltkrieg häufig als Pionierpflanze auf Trümmerschutt und Brachland und brachte das Grün (Farbe der Hoffnung) zurück in die graue Nachkriegslandschaft.

Der lebensfrohe Hoffnungsträger wurde, ähnlich der Robinie, zunächst gern in Parkanlagen gepflanzt, da er eine schnelle Begrünung ermöglichte. Doch die Reichweite und das Wachstum seiner Wurzelsysteme wurden dabei nicht nur schlicht unterschätzt, sondern nehmen mit dem Klimawandel und dem damit einhergehenden Temperaturanstieg immer mehr zu, sodass der einst in Europa begehrte Exot im Jahre 2019 von der EU in die Unionsliste invasiver Arten aufgenommen wurde und mit einem Handelsverbot belegt worden ist.

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