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In die geliehene Pedale

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Seit Mitte Juli hat Wiesbaden ein Fahrradverleihsystem, das via Smartphone genutzt werden kann. Doch sind die neuen orangen Flitzer wirklich so praktisch und innovativ? STUZ-Autorin Inken hat für euch den Praxistest gemacht.

von Inken Paletta

Samstagabend, 18.30 Uhr. In der Stadt ist Rheingauer Weinwoche und an der Station Gottfried-Kinkel-Straße kein Leihrad zu bekommen. Dafür sind Download und Registrierung über die App ein Kinderspiel. Das bestätigt auch Murad Beyaz (44): „Die meinRad-App ist einfach zu bedienen und Störungen und Mängel kannst Du bequem über die App oder das Service-Telefon melden.“ Ob ich hingegen meine Kontodaten bei der Anmeldung richtig hinterlegt habe, kann ich in der App nicht prüfen. Hoffentlich klappt es mit der Abbuchung. Die Fahrt mit dem Bus zur nächsten meinRad-Station in der Bahnhofsstraße kostet mich extra. Bis auf vier Leihräder sind auch hier alle im Einsatz. Gut, dass zumindest im direkten Stadtgebiet insgesamt 49 Stationen zur Verfügung stehen. Außerhalb des Stadtkerns sieht das noch anders aus. Doch auch das soll sich Ende September ändern, wenn das Mainzer Leihradsystem mit dem Wiesbadener vereint wird. Dann sollen die Räder auch in Mainz, Ingelheim oder Budenheim zurückgegeben werden können. Auch die Mehrfachausleihe für bis zu vier Räder pro Account soll dann möglich sein.

Ein gutes meinRad-Gefühl – Nicht auf allen Wiesbadener Radwegen

Ich scanne den ersten PR-Code. Beim vierten Rad habe ich Glück. Mit einem lauten Knacken entriegelt sich das Schloss. Der Sattel ist bequem und perfekt auf meine Größe einstellbar. Ich schnalle meine Handtasche so gut es geht auf dem Gepäckträger fest. Auf Nachfrage bei ESWE-Projektingenieurin Mobilitätsmanagement ÖPNV, Katharina Müller, erfahre ich den Grund der fehlenden Körbe: „In Mainz wurden die Körbe oft zur illegalen Müllentsorgung genutzt.“ Und mit einer Umhängetasche oder einem Rucksack sei man genauso flexibel, meint sie. Mir persönlich wäre ein Fahrradkorb lieber gewesen. Das findet auch meinRad-Nutzerin Chi Dao (30): „Zum Einkaufen wäre ein größerer Fahrradkorb ideal.“ Immerhin können auf dem hinteren Gepäckträger eigene Satteltaschen platziert werden. Ich radele die Bahnhofsstraße entlang. Das Umschalten der stufenlosen Gangschaltung funktioniert reibungslos und auch sonst macht das Rad eine gute Figur. Das Zwischenparken am Dernschen Gelände hingegen scheitert zunächst. Angeblich befinde ich mich zu nah an einer Station. Egal, auf geht’s zum Biebricher Rheinufer, wobei die Fahrt zurück zum Bahnhof zum Survivaltraining wird. Das liegt aber nicht am meinRad, sondern daran, dass mir Busse gefährlich nah kommen, weil der Radweg von parkenden Autos blockiert wird. Immerhin, die Fahrt nach Biebrich entlang der Biebricher Allee verläuft entspannt, denn der Weg führt durch ruhige Nebenstraßen. Auch Jussuf Karakas (42), den ich auf dem Weg an einer meinRad-Station treffe, findet, dass die Stadt viel mehr für den Ausbau sicherer Radwege tun muss. Kurz hinter der Bushaltestelle Fischerstraße wird mir der Anstieg trotz stufenloser Gangschaltung zum Verhängnis. Ich sehne mich nach einem Fahrrad mit Elektroantrieb. Selbst das Schieben bergauf ist mühsam, denn die Räder sind nicht gerade leicht.

Günstiger als die Bahn, teurer als mit dem Bus

Auch wenn das meinRad-System noch nicht ganz ausgereift ist, so sind die Leihräder genau wie die Räder von Nextbike auf Kurzstrecken ohne viel Gepäck z.B. in der Rushhouer eine gute Alternative zu Auto und Bus. Und anscheinend werden die Räder auch gut angenommen, denn von ESWE-Pressesprecherin Lisa Uphoff erfahre ich, dass seit Start bereits rund 4.500 Kunden ein Rad ausgeliehen haben. Allerdings zielt die Smartphone-Nutzung eher auf ein junges Publikum ab. Und wie sieht es mit dem Preis-Leistungsverhältnis aus? Der Tagespreis von 9 Euro ist mit dem von Nextbike identisch. Nur das Leihrad von Call a Bike der Deutschen Bahn ist mit 15 Euro Tagessatz deutlich teurer und auch wenig attraktiv, weil es in Wiesbaden und Mainz nur an den Bahnhöfen eine Leihstation gibt. Insgesamt macht das günstigere ESWE-Tagesticket für Bus und Bahn in Höhe von  5,35 Euro die umweltfreundliche Radnutzung jedoch nicht unbedingt attraktiv. Immerhin erhalten Inhaber eines ESWE-Abos, eines Jobtickets, einer Firmencard, Schülerkarte sowie weiterer Zeitkarten eine Vergünstig. Besser wäre meiner Meinung aber eine Tages- bzw. Zeitkarte für den öffentlichen Nahverkehr, mit der man gleichzeitig Bus, Bahn und Fahrrad sowie andere mobile Lösungen in Kombination nach Belieben ohne Aufpreis nutzen könnte. Das würde ganz sicher mehr Leute dazu motivieren auf das Auto im Innenstadtbereich zu verzichten und zudem einen entscheidenden Beitrag zur Luftqualität und zum Klimaschutz zu leisten.

                                                                                      

Mehr über das neue ESWE-Fahrradmietsystem meinRad sowie alle Preise unter https://www.eswe-verkehr.de/service/meinrad-fahrradvermietsystem.html.

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