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Mainz

Immer bereit zum Losfahren

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Susanne Pandikow aus Mainz ist mit 61 Jahren ein gefragtes Best-Ager-Model. Sie modelt für Designerkleidung genauso wie für Kosmetik und Accessoires. Ihr neuer Karriereweg hat viel mit ihrer Krebsdiagnose und ihrem christlichen Glauben zu tun.

von Tom Albiez

Die Modelkarriere von Susanne Pandikow begann vor vier Jahren. Sie habe sich schon immer verrückter angezogen als andere. Deswegen rieten ihr Freunde, es einfach mal zu versuchen. Eine Stunde vor Bewerbungsschluss reichte sie zwei Bilder für das Casting bei der Urban Fashion ein. Für das Event, bei dem Mainzer Modeläden Models mit ihrer neuesten Kollektion ausstatten, fand das Auswahlverfahren bei Möbel Martin statt. Ihr Testversuch wurde schnell zum Erfolg. Auf der Urban Fashion wurde sie von der Mainzer Modeikone Anja Gockel gecastet und von einem Laufstegtrainer von Germany´s Next Topmodel entdeckt.

Von der Urban Fashion zum Shootingmodel

Mittlerweile ist Susanne Pandikow sowohl auf der Berliner Fashion Week als auch in New York auf dem Laufsteg zu sehen gewesen. Ihre Arbeit hat sich unterdessen allerdings zunehmend in Richtung Shootings verlagert. Die Marken, für die sie modelt, sind eher exklusiv und primär in der Branche bekannt. So handelt es sich vielfach um Designerstücke. Aber nicht nur, vor Kurzem stand erst ein Editorial Shooting für den Bodenheimer Secondhand-Händler Vinokilo an.

Pandikow hat mit der Zeit auch immer mehr die Facetten des Modeldaseins kennengelernt. Eine Freundin von ihr arbeitet beispielsweise als Handmodel. Eine Perspektive, die ihr zu dem Zeitpunkt des Einstiegs überhaupt nicht bewusst war.

Aber natürlich hat das Modelsein auch seine Kehrseiten. Viele, die in der Werbung arbeiten, hätten einen zweiten Job, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Auch deswegen bereut sie nicht, es nicht bereits in jungen Jahren mit der Modelkarriere versucht zu haben. „Ich war kein klassisches Mädchen, das vor Bars herumgelungerte und gewartet hat, von jemandem entdeckt zu werden“, stellt sie rückblickend fest. Zudem wäre es von zu Hause aus nicht gegangen.

Als Susanne Pandikow als Best-Ager-Model durchstartete, kam bei dem einem oder anderen im sozialen Umfeld auch Skepsis auf. Es ginge schließlich nur ums Anziehen. „Einige hatten die Befürchtung, dass ich jetzt vollkommen abdrifte.“ Aber für die Mainzerin muss nicht jeder ihre Begeisterung teilen. „Wie andere über ihre EDV berichten, berichte ich über den Modezirkus.“ Das sei im Endeffekt nicht anders als beim Kochen. Der eine wolle einfach nur seinen Magen füllen, der andere habe höhere Ambitionen und arbeite beispielsweise nur mit speziellen Küchenmessern.

Mit dem Camper unterwegs für mehr Diversity

Abgedriftet ist die Mutter dreier erwachsener Söhne übrigens nicht, außergewöhnlich ist sie sicherlich. Da sie viel auf Achse ist, hat sie sich einen großen Camper angeschafft, mit dem sie zu Shootings fährt. „Es ist immer alles vorbereitet zum Losfahren“, berichtet sie. Denn Flexibilität ist für manchen kurzfristigen Auftrag sehr wichtig. Während sich ihre Kolleginnen bei Miss Germany 50Plus im letzten Jahr Gedanken über ihr Hotel machten, ist sie einfach mit dem Camper vorgefahren.

Auf die Frage, ob die Modebranche für Best- Ager-Model und Diversity offener geworden ist, reagiert Susanne Pandikow zwiegespalten. Sie habe viel positives Feedback von jüngeren Kolleginnen erhalten, auch in ihrem Freundeskreis habe sie viele inspiriert, Gedankenbarrieren zu überwinden. Allerdings stimme es, dass Diversity in Deutschland im Vergleich zu den USA lauter geschrien als es gelebt werde. „Das Publikum findet es wesentlich besser als es die Branche gut findet.“ Meistens sei es für die Schneider auch herausfordernder, Kleider für Best-Ager-Model zu fertigen, da bei den jungen Frauen die Kleider einfach eher auf Anhieb sitzen würden.

Was zukünftige Projekte angeht, verrät die Mainzerin, dass sie gerade an einem Buchprojekt arbeitet. Für den Wissenschaftsthriller „Dürre“ von Uwe Laub stellt sie für ein kleines Video eine Protagonistin dar. In dem Buch wird eine Gesellschaft beschrieben, die sich mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert sieht. Die Lösung soll eine App sein, die den CO2-Ausstoß von jedem einzelnen Bürger limitiert. Pandikow verkörpert die Frau, die das System überwacht. Kennzeichen der Protagonistin: Ein roter Lackmantel.

Der Kampf gegen den Brustkrebs

2006 erlebte Susanne Pandikow einen Schockmoment, der auch ihren heutigen Wandel zum Best-Ager-Model vorgeprägt hat. Sie ertastete einen Knoten an der Brust, Diagnose Krebs. Ihre Antwort: Pragmatismus. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in einer Glocke lebe und mir nichts im Leben passiert“, fasst sie ihre Lebenseinstellung zusammen.

Anstatt zu resignieren, sagte sie der Krankheit den Kampf an. Inspiriert durch ihre Arbeit in einer christlichen Gemeinde, entwickelte sie eine Routine, die bis heute in ihrem Alltag eine Rolle spielt: Sich jeden Tag zwei Dinge zu überlegen, für die man dankbar sein kann. Für sie ist klar: „Wenn du eine Haltung einnimmst, dann ziehst du die Gefühle auch mit.“ Ganz wichtig ist für sie die Erkenntnis, dass egal wie sehr man durch eine Krankheit eingeschränkt sein mag, immer ein gewisser Handlungsspielraum bleibt. „Wie viel Kraft ich hatte, wusste ich nicht“, konstatiert sie heute.

Der Glaube als Anker

Ihren christlichen Glauben sieht Susanne Pandikow als den Fundus, aus dem sie ihre Kraft zieht und der sie auch während der Erkrankung Hoffnung schöpfen ließ. Sie ist nicht in einer christlichen Familie aufgewachsen, jedoch schon seit jungen Jahren im Glauben unterwegs und besucht eine Baptistengemeinde. Einmal habe sie sich sogar für eine Woche in ein Kloster zurückgezogen, um sich aus dem Alltag herauszunehmen.

Susanne Pandikow verspürt kein Bedürfnis, Gott zu fragen, warum er das Leid in ihrem Leben zugelassen habe. „Ab und zu hätte ich ihm schon gerne gegen das Schienbein getreten“, gibt sie zu. Aber für sie spielt vor allem die persönliche Beziehung zu Gott die entscheidende Rolle. Sie vertritt die Ansicht: „Egal wie schwierig die Kirche als Organisation ist. Das hat mit der Beziehung zu Gott erstmal nichts zu tun.“

Menschen, die ähnliche Krisensituationen wie sie durchleben müssen, möchte Pandikow den Bibelspruch „Euer Herz erschrecke nicht“ mitgeben. Sie rät dazu, die Welle des Schreckens ruhig über sich ergehen zu lassen, aber sich dann zu überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, um das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Schließlich gibt es immer eine Möglichkeit. Man müsse nur kleine Schritte gehen und das Leben in Portiönchen packen. Dann kann man auch eine ganze Meile schaffen.

Instagram: @susanne_pandikow

Foto: Klausvonkassel

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