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Der Kampf um den Schlaf

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Seit einiger Zeit habe ich Stress mit meinem Nachbarn, der gerne drei- bis viermal die Woche Party macht. Als ich einmal nachts um drei geklingelt habe und meinte, ich muss um acht auf der Arbeit sein, bekam ich ein „Das ist mir scheißegal” als galante Antwort.
Da ich zu einem feinen Kreis von Leuten gehöre, die arbeiten gehen und nachts schlafen müssen, habe ich mich schließlich erkundigt und im schlauen Internet Vorgehensweisen gefunden, wie mit solchen Situationen umzugehen sei. Erst einmal das Gespräch suchen. Ja, da habe ich einen Stinkefinger bekommen und mir wird auch gar nicht mehr die Tür geöffnet. Gefeiert wird darum nicht weniger. Ich soll ein Lärmprotokoll führen und mich damit an den Vermieter wenden. Dieser verschiebt unseren Termin zweimal. Bein dritten Mal sitze ich es aus. Nachdem ich zwei Stunden auf ihn gewartet habe, meint er schlicht: „Ich hab mit dem Nachbar schon geredet. Der sagt, er macht keinen Krach.” Ach so. Ja gut, in der Wand muss es dann ein Partyland-Portal geben, das sich jede zweite Nacht ganz von selbst öffnet. „Wenn es Ihnen zu laut ist, dann ziehen Sie doch um.”

Mein nächster Ansprechpartner ist dann das Bürgeramt. Denen lege ich ebenfalls mein Protokoll vor und gebe einen Abriss über den bisherigen Verlauf.
„Ein Protokoll allein ist nicht ausreichend”, heißt es schlicht. „Sie brauchen Zeugen.”
Mittlerweile habe ich fünf davon gesammelt und sie im Protokoll vermerkt.
„Die Nennung der Zeugen reicht nicht aus. Die Unterschriften müssen dazu“, steht in der Antwort auf meine nun dritte E-Mail, oder war es schon die vierte?
„Sie brauchen unabhängige Zeugen. Rufen Sie das nächste Mal das Ordnungsamt an. Die können als solche fungieren.“
Ordnungsamt … da hab ich schon viermal angerufen. Zweimal hieß es: „Das ist nicht unsere Angelegenheit.“ Zweimal ging erst gar keiner ran.
Gestern nun wurde es gegen sechs Uhr wieder laut und beständig lauter, bis ich um halb eins schließlich angerufen habe. Wie die vorherigen Male habe ich am Apparat einen Herrn, den es recht wenig interessiert, was ich zu sagen habe.
„Das ist nicht unsere Aufgabe. Gehen sie zu ihrem Vermieter.”
Ich beharre und erkläre, dass ich sie als unabhängige Zeugen brauche. Faultiergleich wird am anderen Ende mein Name und meine Adresse getippt, die ich noch dreimal wiederholen muss. Bis die Beamten eine halbe Stunde später eintreffen, ist es nebenan natürlich leiser. Ist dumm gelaufen und, naiv wie ich bin, denke ich, damit sei es getan. Doch ich unterschätze wie gerne nicht geholfen wird. Die Herren vom Ordnungsamt sind mir gegenüber unfreundlich und einschüchternd.
“Nebenan wird ja nur geredet und gelacht. Da kann man nichts tun, ganz egal wie laut und wie spät es ist.” Und: “Dafür sind wir auch gar nicht zuständig. Und eine Zeugenfunktion haben wir auch nicht.”
Ich bin genervt und müde. Seit Monaten suche ich Hilfe und da stehen sie nun und meinen nur, sie könnten nichts tun. Mir fällt dazu nichts mehr ein.
Die Beamten allerdings haben in der Tat noch ein Anliegen: „Und Sie werden demnächst noch ein Bußgeld zahlen.”
Ich meine, das ist zu viel des Guten. Ich will meinen Nachbarn ja nicht in die Pfanne hauen. Die sollen nur mal klingeln und ihn auf die Ruhezeiten aufmerksam machen, damit ich nachts schlafen kann.
Da wird mir bewusst, sie reden von mir und nicht von ihm.
„Wie bitte?”
„Wir haben Sie überprüft. Sie sind gar nicht in Mainz gemeldet.” Erhaben blickt er in die Ferne, stolz, dass er mir noch eins verpassen kann.
“Aja, das kann sein”, meine ich schlicht.
Seit Jahren tingele ich zwischen Mainz und der Heimat hin und her, je nachdem wie es um Job und Wohnung für mich steht. Seit Oktober bin ich wieder hier, dann war so viel auf der Arbeit und plötzlich war wieder Weihnachten, Feiertage, da vergisst man das schnell. Ist auch schwer sich an alles zu erinnern, wenn einem der Schlaf fehlt.
„Das Verfahren gegen Sie wird demnächst eingeleitet.”
Chapeau.

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