Wenn Kunst und Politik sich treffen
Im Abgeordnetenbüro von Manfred Geis hängen noch bis zum 8. März Arbeiten von Künstlern der Fachhochschule Mainz. 
Stickig, warm und eng ist es in den von Büroräumen
umgebenen Gängen des Abgeordnetenbüros, in dem vier junge Künstler der FH Mainz
und die Dozentin Mirta Domacinovic ihre Zeichnungen und Illustrationen zum
Thema „StadtLeben" ausstellen. „Das Stadtleben betrifft jeden. Wer in einer
Stadt lebt, sollte sich auch mal mit dem Ding, das ihn umgibt auseinandersetzen",
sagt die Dozentin, die mit ihren eigenen Zeichnungen auch in der Ausstellung
vertreten ist. Eine ganze Wand voll Zeitungen mit Börsenberichten über die
Wirtschaftskrise kann man hier betrachten. Eine Art Tagebuch. Auf den Zeitungen
sieht man mit Kugelschreiber gezeichneten Abfall, der sich „genau wie die
Börsenberichte, täglich verändert." Im Seminar sollten sich die Studierenden
mit „den Charakteren der Stadt, mit der Zeit, Schnelligkeit, Veränderung oder
gegensätzlichen Aspekten wie Bewegung und Ruhe, Tag und Nacht, alt und neu"
auseinandersetzen. Das Jammern über das immense Zeichenpensum hat Mirta
Domacinovic dazu bewegt, sich selbst und den Studierenden mit dieser
Parallelaktion, zu beweisen, dass ein Disziplinprojekt, das man durchzieht
funktionieren kann. An Durchhaltevermögen mangelt es der 26-jährigen Oksana
Kyzymchuk sicher nicht. Sie ist eine der
Künstlerinnen, deren Bilder man in der Ausstellung bewundern kann. Schon als
Kind hat sie in ihrer Heimat, der Ukraine, Preise für ihre Zeichnungen gewonnen
und obwohl sie eine siebenjährige Zeichenpause hinter sich hat, sieht man das
ihren ausdrucksstarken Portraits nicht im geringsten an. Als sie vor fünf
Jahren nach Deutschland kam, konnte sie noch kein Wort Deutsch, jetzt steht sie
hier und erzählt ganz souverän und selbstverständlich von ihren Zeichnungen,
die willkürlich ausgewählte Menschen darstellen, die alle etwas Besonderes an
sich haben, deren Inneres durch ihre Kleidung nach außen getragen wird und so
das Emotionale mit dem Visuellen verbinden. Oksana zeigt Menschen aus ihrer
fernen Heimat und obwohl sie die meisten nicht kennt, scheint jedes einzelne
ihrer Portraits, die zeichnerisch und mit Siebdruck entstanden sind, etwas ganz
Persönliches einzufangen und ein Stück fremder Kultur nach Deutschland zu
transportieren.
Auch der 28-jährige Sebastian Breidecker ist weit
gereist. Er kommt am Tag der Ausstellungseröffnung gerade von seinem
Auslandssemester aus Valencia zurück und würde trotz seines Aufenthaltes in der
inspirierenden Stadt mit den „schönen Frauen, dem angenehmen Klima und der
interessanten Architektur" nichts lieber machen als seine Bilder zu
präsentieren. Sebastian sagt: „Ich habe mich beim Zeichnen hauptsächlich auf
Wiesbaden konzentriert. Ich gehe immer raus und zeichne drauf los. Wenn jemand
in kurzer Zeit etwas Gutes aufs Papier bringt, macht das für mich Qualität
aus." Er hat in seinen Zeichnungen den Kontrast zwischen alter und neuer
Architektur aufgegriffen und dabei Mainz und Wiesbaden aus verschiedenen
Blickwinkeln skizzenhaft dargestellt. In seinen Bildern erkennt man als
aufmerksamer Mainzer oder Wiesbadener das ein oder andere architektonische
Bauwerk schnell wieder.
Mit dem gegenteiligen Effekt hat sich der 23-jährige
Johann Kruschinski bei seinen Computer-Drucken beschäftigt. Er hat sich den
Dingen in einer Stadt zugewandt, die eigentlich den wenigsten Menschen auf
Anhieb auffallen: Baustellen. „Eine Baustelle ist nicht unbedingt das, woran
man sofort denkt beim Stichwort Stadtleben.
Aber die Stadt befindet sich in einem ständigen Wandel, den man kaum
bemerkt. Stets werden Gebäude abgerissen, renoviert oder neu errichtet. Keine
Baustelle gleicht der anderen." Vielleicht sind eben deshalb auch Johanns
Favoriten unter den ausgestellten Illustrationen Isabella Hofs akkurate
Zeichnungen von Frankfurter U-Bahnstationen, die alle trotz der klaren und
ähnlichen Linien ihren individuellen Charakter besitzen. Isabella, die gerade
im Rahmen ihres Studiums in Thailand ist, hat in ihren Zeichnungen die
Architektur der Stationen durch klare, geometrische Formen besonders hervor
gehoben. Ihre U-Bahnstationen sind menschenleer - das genaue Gegenteil der
Ausstellung, die sich bei der Eröffnung vor Besuchern kaum retten kann, was
auch den Initiatoren von „Kunst im Abgeordnetenbüro", Manfred Geis sehr freut.
Der kulturpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion hat das Projekt vor zehn
Jahren gemeinsam mit dem Künstler Stefan Budian ins Leben gerufen und war schon
damals von der Resonanz geradezu überwältigt. Die ursprüngliche Idee war es,
regionalen Künstler ein Plattform zu geben. Seit 2007
dürfen auch Studenten der FH ihre Werke ausstellen. Manfred Geis beweist, dass es möglich ist, Kunst überall zu präsentieren,
auch wenn es eng ist. Für ihn ist klar: „Kunst gehört zum Alltag". Nicht nur in
diesem Punkt sind sich Künstler und Aussteller einig. Sie alle freuen sich über
das große Interesse an ihren Arbeiten und Johann, der beim Aufbau der
Ausstellung tatkräftig mit angepackt hat, fasst für alle zusammen: „Ich bin
froh, dass so viele Leute hier sind, um sich das anzuschauen. Damit hätte ich
nicht gerechnet!"
StadtLeben
Abgeordnetenhaus des Landtags Mainz
Kaiser-Friedrich-Straße 3
bis 8. März 2010
Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr und
jeder Zeit nach Vereinbarung
www.manfred-geis.de
Text und Fotos: Miriam Agat
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