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Alles für den Doktortitel?

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200.000 Promovierende gibt es derzeit in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Doch lohnt sich eine Promotion wirklich? Wir haben uns umgehört.

von Marie Himbert

Sieben von zehn Hochschulabsolventen beginnen derzeit eine Promotion. Der Frauenanteil unter ihnen ist mit fünfundvierzig Prozent deutlich gestiegen. Die Mehrheit der angehenden Titeltragenden promoviert in Naturwissenschaften und Mathematik, dicht gefolgt von Ingenieurwissenschaften. Im Schnitt brauchen sie viereinhalb Jahre bis sie sich Doktor nennen dürfen, wobei die Variationen je nach Fachbereich groß sein können. Laut dem aktuellen Bundesbericht des Berliner Instituts für Innovation und Technik zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses brechen zwei Drittel ihre Promotion ab. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären? Was spricht für, was gegen eine Promotion?

Mehr Gehalt bekommen, Eindruck schinden

Die Motive der Doktoranden sind so unterschiedlich wie ihre Forschungsthemen. Viele erhoffen sich eine Karriere in der Wissenschaft. Doch Professorenstellen sind heiß begehrt und rar gesät. Andere erwarten eine höhere Gehaltsstufe, etwa beim Einstieg in die Wirtschaft. Tatsächlich verdienen promovierte Arbeitnehmer im Schnitt knapp ein Drittel mehr als Kollegen ohne Doktortitel. Für manche mag auch das Statussymbol eines Doktortitels verlockend sein. Dies ist nicht unbegründet – nicht nur im sozialen Umfeld, sondern auch bei außeruniversitären Bewerbungen macht dieser offenbar Eindruck. „Während eines Praktikums im Master habe ich festgestellt, dass die Promovierten im Unternehmen viel schneller an die schönen Jobs und Aufgaben gekommen sind“, konstatiert ein Doktorand der Arbeitspsychologie, der seinen Namen hier lieber nicht lesen mag. Tatsächlich sei ein Doktortitel trotz der prominenten Plagiatsfälle der letzten Jahre nach wie vor ein Zeichen von Glaubwürdigkeit, Seriosität und Autorität, sagt Tim Hagemann, Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie Bielefeld.

In der Tat „lernt man viel dazu, und das nicht nur zur eigenen Forschungsfrage“, sagt Maria, die kurz vor Abgabe ihrer Dissertation steht. Sie nennt hier etwa Skills wie Daten- und Projektmanagement, das sichere Präsentieren vor Menschen oder Wissenschaftskommunikation. Weitere Pluspunkte sind der Zugang zu zahlreichen Fortbildungsangeboten, die Möglichkeit zur Teilnahme an nationalen und internationalen Kongressen und Tagungen sowie nicht zuletzt die Option, weiterhin eingeschrieben zu bleiben und somit alle Vorteile des Studierendenstatus zu genießen. Darüber hinaus hat man üblicherweise große Freiheiten in der Gestaltung des Arbeitstages, kann gar im Home-Office arbeiten, was für einige wohl Fluch und Segen zugleich ist. Maria hat hier einen Rat: „Am besten findet man gleich zu Beginn für sich heraus, wann und wie man am produktivsten arbeitet.“

Doch mit der Produktivität ist das so eine Sache. Denn jeder Doktorand erlebt mal eine Sinnkrise oder eine Phase fehlender Motivation. Mal hat man eine Schreibblockade, mal spielt die Technik nicht mit. Eine hohe Frustrationstoleranz und Ausdauer sind also förderlich. Zumal die Betreuung in vielen Abteilungen zu wünschen übrig lässt. Ratsam sei es hier, sich mit anderen Doktoranden und Kollegen auszutauschen. „Wenn ich an die Anfänge meiner Promotion denke, würde ich mir im Nachhinein raten, erfahrenen Kollegen mehr Fragen zu stellen“, gibt Nicole Altvater, Juniorprofessorin an der Uni Mainz, zu.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Als problematisch sehen viele Befragte zudem die prekären Beschäftigungsverhältnisse an. 83 Prozent finanzieren die Promotion über eine befristete, meist halbe Stelle für die Lehrtätigkeit in der Abteilung. Die Promotion selbst wird in der Regel nicht bezahlt. Unbezahlte Mehrarbeit wird aber häufig ausdrücklich erwartet. Dr. Henrik Bellhäuser, Psychologe und seit vielen Jahren im Wissenschaftsgeschäft, hat schon einige Doktoranden kommen und gehen gesehen: „An zu geringen fachlichen oder kognitiven Fähigkeiten scheitert es meiner Erfahrung nach eher selten; viel häufiger ist der Fall, dass die widrigen Umstände irgendwann dazu führen, dass man nicht mehr gewillt ist, sich weiter durchzubeißen.“

Ob sich eine Promotion lohnt, ist letztlich nur individuell zu beantworten. Fest steht: Man sollte zuvor sorgfältig Kosten und Nutzen abwägen. Der Preis für den Titel, der einen weit bringen kann, ist unter Umständen hoch. Mit viel Herzblut für das eigene Thema sei es aber machbar, sagt Altvater, „dann übersteht man auch die schwierigen Zeiten.“

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